
Fotos:
Saška Barnic
Text:
Saška Barnic
Christian Frieß

Saška scrollt durch die Fotos, die sie auf Spaziergängen durch die Stadt gemacht hat. Einige, sagt sie, seien zufällig entstanden, im Vorbeigehen. Andere – da hab ich richtig gewartet, bis der Moment perfekt war.
Sie zeigt mir eines.
Das hier war spontan. Ich hab’s gemacht, als ich über den Donaukanal gegangen bin.
Auf dem Bild sieht man die Stelle, wo der Wienfluss in den Donaukanal fließt. Ein Ort, den viele kennen – denn hier wurden im Herbst 2025 unzählige Fotos von der großen Überschwemmung gemacht. Damals war alles voll Wasser, sogar die Kaimauern waren unter Wasser.
Ich schaue mir ihr Foto an. Irgendwas daran zieht mich an.
Die Kaimauern halten das Wasser im Zaum, bändigen es.
Und die Graffiti?
Die halten die Stadt lebendig. Und ohne sie wären die Mauern grau.
Die Fischer wären wohl trotzdem dort.

In der Stadt wächst so einiges. Blumen und Sträucher, kleine Bäume zwischen Pflastersteinen. Und dann gibt es da noch die Bilder davon – Blumen an Hauswänden, Pflanzen auf Stickern, bemalte Blätter auf Rollos oder Mauern.
Beides macht die Stadt bunter.
Und bunte Städte sind schöner.
Sind sie das?
Wir beschließen, dass Saška Orte fotografiert, an denen Buntes zu sehen ist. Bunte Spuren von Natur und bunte Spuren von Kultur. Blumen, Graffiti, Bäume und Gräser. Um den Beton herum. Und zwischen drinnen.
Wo eigentlich hört Natur auf und fängt Kultur an?, fragt sie.
Oder gehört das alles längst zusammen?
Wir reden über die Stadt wie über einen Garten, den viele gemeinsam gestalten – Architektinnen, Gärtner, Tiere, Menschen, Regen. Und wie unterschiedlich all das wirkt: auf uns Menschen, auf Vögel, auf Pflanzen.

Wir schauen uns das nächste Foto an. Ich sage, dass Urban Gardening eigentlich mehr mit Menschen als mit Pflanzen zu tun hat. Wer den ganzen Tag am Computer sitzt, trifft sich dort, buddelt in der Erde, redet mit anderen, tauscht Geschichten aus. Am Ende gibt’s vielleicht sogar etwas zu ernten. Und wenn nicht – na ja, dann kann man immer noch etwas kaufen, das woanders gewachsen ist.
Saška nickt langsam.
Schon schöner, wenn da wirklich was wächst, sagt sie.
Vor allem im Sommer, wenn alles grün wird und blüht.
Für einen Moment ist es still.
Aber Graffiti bringen auch Farbe. Das ganze Jahr über. Und sie brauchen keine Sonne.
Vielleicht sollte jemand mal Graffiti aus Pflanzen machen.
Meinst du seed bombs?, frage ich sie.

Im Sommer trifft sich Saška manchmal mit Freundinnen am Donaukanal. Am Wasser ist es kühler, und unter der Brücke noch ein Stück mehr, findet sie.
Hier kann man einfach sitzen, reden, schauen. Das Wasser rauscht, die Luft bewegt sich, und auf der Oberfläche glitzert das Licht. Für einen Moment ist alles ruhig. Nur Stadt und Wasser, Farbe und Leben.
Das Wasser wirkt wie ein Magnet. Nicht nur für Menschen, auch für Vögel, Hunde, Insekten. Es riecht nach Sommer – nach Stein, Algen und Sonne. Nicht immer gut. Meistens schon. Hier scheint die Stadt anders zu atmen, ein bisschen weicher, langsamer. Und vielleicht, meint sie, ist genau das der Grund, warum Menschen an heißen Tagen immer wieder hierherkommen.

Beim Spazieren sind mir die vielen Tauben aufgefallen – gleich neben der U4-Station Spittelau, dort, wo eine ganze Wand voller Graffiti ist. Mein erster Gedanke war, schreibt Saška, wie gut sie eigentlich dazu passen. Die Farben der Wände und das Grau ihrer Federn, das schimmernde Blau und Violett dazwischen – alles wirkt wie abgestimmt, als wäre es Absicht.
Ja, ich kann mir vorstellen, was du meinst. Die Tauben gehören genauso zur Stadt wie die Graffiti - sie sind Teil der gleichen Geschichte, in der die Frage aufgeworfen wird, wem die Stadt gehört.
In majestätischen Purpurtönen schillern die Federn eines der ältesten Haustiere der Welt in der Abendsonne.

Warum hast du die Statue fotografiert?, frage ich Saška.
Sie sieht so aus, als ob sie im Blättermeer der Baumkronen spazieren würde. Abgehoben, in der Luft.
Schweigen.
Saška dreht sich um und geht barfuß über den grünen Rasen Richtung Haltestelle, wo ihre Freundinnen schon auf sie warten.
Ich schaue die Statue an und denke an eine Schlagzeile, die ich einmal gelesen habe. Nichts macht so schön grün wie in paar Jahrtausende, hieß es. Grünspan.
Bald verschwindet das Grün der Blätter und macht den Rot- und Gelbtönen Platz, bevor sich ein brauner Teppich über das Gras legt. Vielleicht lässt die Stadt dann einen Laubhaufen liegen, in dem ein Igel überwintert und sich bei Frühlingsanbruch über die noch immer grüne Statue freut.

Auf dem Foto sieht man eine Wand voller Graffiti, die zum Teil schon von Pflanzen überwuchert sind. Saška meint, dass in diesem Fall die Pflanzen selbst zur Kunst werden. Sie schmücken die Wand, wachsen über die Farben, mischen sich in die Linien und werden zum Teil der Graffiti.
Sie geben der Wand etwas Lebendiges, sagt sie. Und gleichzeitig lassen sie das Graffiti verwachsen aussehen – so, als wäre es schon immer hier gewesen. Aus Street Art und Natur wird etwas Gemeinsames – still, langsam, zufällig und vollkommen passend.

Die massive Überbrückung einer U-Bahn wird durch die Graffiti zu einer Art Skulptur. Farben rinnen über die Betonflächen, lassen sie lebendig wirken. Zumindest an den Rändern.
Rundherum wachsen Bäume und Sträucher. Das Grün bricht die Strenge des Betons und macht den Ort nicht nur schöner, sondern auch kühler. Im Sommer sucht man hier den Schatten – das Zusammenspiel von Kunst, Struktur und Natur verändert, wie sich der Ort anfühlt, meint Saška.
Aber der Beton ist schon sehr dominant, werfe ich ein.
Ein Bunker eher. Kühl.