
Im Rahmen des Wahlseminars Gebäudelehre – nachhaltiger Schulbau im Klimawandel
von Jonas Huber und Timon Paffrath
betreut von: Univ.Ass.in DI Carla Schwaderer MA E253 Institut für Architektur und Entwerfen
WS 2025/26
1 EXPOSÉ
2 EINLEITUNG
2.1 Problemstellung
2.2 Ziel der Arbeit
2.3 Forschungsfrage
3 THEORETISCHER RAHMEN
3.1 Theoretischer Hintergrund
3.2 Kriterien moderner nachhaltiger Schulbauten
3.3 Architektur als Bestandteil nachhaltiger Lernkultur
4 PARTIZIPATIVER RAHMEN
4.1 BNE – Modell
4.1.1 Hintergründe für den Bedarf an nachhaltigen Bildungssystemen
4.1.2 Die Verankerung der Gestaltungskompetenz im BNE-Modell
4.1.3 BNE als ganzheitlicher System-Ansatz
4.2 Erhebungsmethoden
4.2.1 Schulbesuch des BRG 9, Wien
4.3 Auswertungsmethoden
4.3.1 Auswertung der Schüler*innen-Perspektiven
4.3.2 Auswertung der Experteninterviews
5 GEGENÜBERSTELLUNG
6 SCHLUSS
7 LITERATURVERZEICHNIS
Die Problemstellung dieser Arbeit liegt in der verzerrten Bewertung nachhaltiger Schularchitektur. Studien wie „Live Green, Think Green“ (Tucker, 2017) von Richard Tucker und Parisa Izadpanahi vergleichen ältere und moderne Schulen miteinander und kommen anschließend zum Ergebnis, dass Schüler*innen in moderneren Gebäuden ein stärkeres Bewusstsein für Nachhaltigkeit entwickeln, (Tucker, 2017, S. 209-216). Diese Schlussfolgerung ist jedoch kritisch zu betrachten: Die modernen Schulen dieser Studie wurden gezielt nach Kriterien geplant, die exakt den Nachhaltigkeitsparametern entsprechen, welche später abgefragt werden: etwa energieeffiziente Bauweisen, Photovoltaik oder Schulgärten, an denen Agrikultur betrieben wird. Besagte Parameter fehlen allerdings in „konventionellen“ Schulen der Testungen völlig. Dadurch entsteht ein methodisches Bias, das weniger über das tatsächliche Bewusstsein der Schüler*innen aussagt als vielmehr über die Planungslogik der Gebäude selbst und den angewandten Lehrplan.
Ein wesentlicher theoretischer Bezugspunkt ist der sogenannte „Whole System Approach“, wie ihn Patricia Dreizler (Dreizler, 2023, S. 147-151) im Rahmen der BNE-Modellschulen beschreibt. Nachhaltige Schulentwicklung wird darin als ganzheitlicher Prozess verstanden, der Unterricht, Organisation, Gebäude und Netzwerke gleichermaßen einbezieht. Architektur fungiert dabei nicht lediglich als räumlicher Hintergrund, sondern als aktiver Bestandteil einer nachhaltigen Lernkultur. Sie schafft Orte, an denen ökologisches Bewusstsein räumlich erfahrbar wird und unterschiedliche Lernformen angemessen unterstützt.
Daher setzt sich diese Arbeit als Ziel, in einer Gegenüberstellung zu ermitteln, wie Architektur und Raumempfinden sowie Pädagogik und Lehrplan zusammenwirken, um nachhaltiges Bewusstsein bei Schüler*innen zu fördern. Entscheidend ist, welche räumlichen, atmosphärischen und sozialen Qualitäten die Schüler*innen selbst als Ausdruck von Nachhaltigkeit wahrnehmen und inwiefern Architektur und Pädagogik zwingend ineinandergreifen müssen, um ein lernförderndes Umfeld für nachhaltige Entwicklung zu schaffen.
Auf Grundlage dieses partizipativen Ansatzes widmet sich die Arbeit der Forschungsfrage, wie energieeffiziente und klimaneutrale Gestaltungsprinzipien das Raumklima und das Nutzungsverhalten moderner Schulbauten beeinflussen und welche architektonischen Elemente sich tatsächlich auf ein besseres Lernumfeld der Nutzer*innen auswirken. Damit soll die Arbeit zeigen, dass nachhaltige Bildung nur dort wirksam entstehen kann, wo räumliche Qualität und pädagogische Praxis konsequent zusammen gedacht werden.
2.1 Problemstellung
„Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“ ((WCED), 1987, S. 37). Bis heute bildet diese Definition des Brundtland-Berichts von 1987 ein Fundament des modernen, zeitgenössischen Nachhaltigkeitsdiskurses und ist längst in die Baupolitik verwurzelt. Da Bildung der „Schlüssel für individuelle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Motor für Chancengleichheit“ ist (Bundesministerium für Umwelt, 2014) kommt dem Schulbau eine doppelte Verantwortung zu: Nicht nur ökologische Standards müssen gewährleistet sein, um den Ressourcenverbrauch zu minimieren, sondern auch die Funktion als pädagogischer Raum ist essenzieller Bestandteil, um zukünftige Generationen auf die Herausforderungen des Klimawandels vorzubereiten.
Die architektonische und funktionelle Ausgestaltung der Lernumgebung wird in der Fachdiskussion seit Längerem als wesentlicher Faktor für Lernmotivation und Lernerfolg anerkannt. Sowohl Architekt*innen und Fachplaner*innen, als auch Lehrpersonen und die Schulträgerschaft tragen hierbei eine besonders große Verantwortung, da neben gegenwärtigen Bedürfnissen auch zukünftige Aspekte wie ändernde Anforderungen und Entwicklungen in die Planung von Neubau, Erweiterung oder auch Sanierung miteinbezogen werden müssen (Bundesministerium für Umwelt, 2014, S. 1). Auch in der Pädagogik wird sich in manchen Theorien an der architektonischen Bauweise des Schulgebäudes bedient und so der Raum konzeptionell als „dritter Pädagoge“ verstanden (Kemp, 2015, S. 26).
2.2 Ziel der Arbeit
Genau an dieser Schnittstelle zwischen baulicher Hülle und pädagogischer Wirkung offenbart sich eine kritische Forschungslücke, die einen prekären Ausgangspunkt dieser Arbeit bildet. Studien wie „Live green, think green“ (Tucker, 2017) von Tucker und Izadpanahi sehen hier allerdings genau die Verbindung beider Fachthematiken und suggerieren eine direkte Korrelation zwischen nachhaltigen Schulgebäuden und der Bildung von Umweltbewusstsein. Demnach würden Schüler*innen in modernen und ökologisch geplanten Gebäuden automatisch ein signifikant ausgeprägteres Bewusstsein für Nachhaltigkeit ausbilden im Vergleich zu Kindern, welche Schulbildung in konventionellen Bauten erfahren (Tucker, 2017).
Diese Kausalität lässt jedoch Fragen offen und gibt Anreiz dafür, die tatsächliche Wirkung der gebauten Umgebung auf das Bewusstsein von Kindern zu hinterfragen. Wie in Tuckers Publikation (Tucker, 2017)ersichtlich, beziehen sich durchgeführte Erhebungen konkret auf bauliche Parameter, welche in den positiv abschneidenden Schulen umgesetzt werden, in konventionellen oder „veralteten“ Schulen jedoch nicht.
Dieses sogenannte methodische Bias verzerrt das augenscheinliche Ergebnis, dass Architektur selbst durch ökologische Bauweisen und Bauprozesse wie beispielsweise übermäßiger Holzbauart das Bewusstsein zur Nachhaltigkeit stärkt.
Somit bleibt die Frage offen, inwiefern Kinder im jungen Alter bereits ein ausgebildetes Verständnis entwickelt haben, die gebaute Umgebung und deren Einfluss zu erkennen und zu verstehen. Zwar beschreibt Rittelmeyer, dass Schulbauten von Kindern als eine Art Interaktionspartner erlebt werden, der Denkprozesse und soziale Gebärden förmlich herausfordern kann (Rittelmeyer, 2013, S. 24), dennoch bleibt es kritisch zu betrachten, wie weit diese unbewussten Reize alleinstehend in reflektierte Denkprozesse münden und folglich die Bildung von Verständnis in spezifischen Themenbereichen – wie beispielsweise der Nachhaltigkeit – prägen und fördern.
2.3 Forschungsfrage
Wenn Architektur also einzig und allein als Aufenthaltsort fungiert und nicht aktiv in den Lehrplan eingebunden wird, erlischt ihr didaktisches Potenzial. Diese Diskrepanz zwischen der baulichen Intention und der tatsächlichen Wahrnehmung durch die Schüler*innen bildet das Spannungsfeld dieser Arbeit. Es gilt zu untersuchen, ob und wie Architektur über die reine Energieeffizienz hinaus als Medium nachhaltiger Bildung wirken kann, ohne davon auszugehen, dass technische und strukturelle Gegebenheiten der Architektur allein ausreichen, um Wissen und Bewusstsein über ökologische Themen zu vermitteln. Folglich rückt die Frage ins Zentrum, inwieweit Architektur lediglich Angebot und die strukturellen Voraussetzungen für ein lernförderliches Klima schafft, während ein tatsächliches Bewusstsein komplexer sozioökonomischer Themen, im speziellen das Verständnis von nachhaltigen Prozessen, erst durch die aktive Nutzung und durch soziale Interaktion innerhalb dieses Raumes erzeugt wird (Altrichter & Helm, 2011).
Daher geht diese Arbeit der Fragestellung nach, ob energieeffiziente und klimaneutrale Gestaltungsprinzipien das Raumklima und das Nutzungsverhalten in modernen Schulbauten beeinflussen, und welche architektonischen Elemente sich tatsächlich auf ein nachhaltiges Bewusstsein der Nutzer*innen auswirken.
3.1 Theoretischer Hintergrund
Aktuell gewinnt Architektur im Bereich des Schulbaus immer mehr an Wichtigkeit. Insbesondere in Bezug auf pädagogische Entwicklungsprozesse und den Lernerfolg. Schularchitektur soll den Lernprozess aktiv unterstützen und als wichtiger Begleiter im Schulalltag wirken. Ziel ist es, räumliche Strukturen zu schaffen, die Offenheit ermöglichen und vielfältige Bildung zulassen. Architektur wird nach Leo Care (Kemp, 2015, S. 71-88)als, im Alltag wirksames Werkzeug verstanden, welches Lernprozesse strukturiert und unterstützt. Sie soll Flexibilität bieten, so dass sie jederzeit an unterschiedliche Anforderungen angepasst werden kann. Verschiebbare Elemente, große multifunktionale Räume, Atrien, Treppen und Organisation in Lernclustern spielen hierbei eine entscheidende Rolle (Kemp, 2015, S. 71-88). Schüler*innen sollen über gute Gestaltung und qualitative Räume zum Lernen motiviert werden. Darüber hinaus sollen solche Qualitäten aber auch das Lehrpersonal anregen und zur allgemeinen Teilnahme beitragen (Kemp, 2015, S. 7). Um ein Schulgebäude zu schaffen, welches sich an seine Nutzer*innen anpassen kann, braucht es einen partizipativen Ansatz. Die Einbindung jener, die das Schulgebäude nutzen, bildet eine wichtige Voraussetzung für eine qualitative Planung (Kemp, 2015, S. 10). Werden Schüler*innen und Lehrpersonal in den Entwurfsprozess integriert, entsteht die Möglichkeit, das Gebäude räumlich und funktional auf ihre Bedürfnisse abzustimmen. Leo Care (Kemp, 2015, S. 109-128) beschreibt in diesem Zusammenhang, dass partizipative Einbindung der Nutzer*innen in die Entscheidungsfindungen eines schulischen Neubaus bislang noch unzureichend stattfindet. Häufig würde sich Partizipation auf frühe Projektphasen beschränken und nicht konsequent über den gesamten Prozess fortgeführt werden. Nicht nur sei es wichtig, um sich mit einem Gebäude zu identifizieren, es solle auch dabei helfen, die Schüler*innen in ihrer Meinung zu bekräftigen und dem Lehrpersonal neue Perspektiven auf Lernende zu eröffnen (Kemp, 2015, S. 109-128).
Diese pädagogische Wirksamkeit wird durch Mark Dudek (Dudek, 2015) weiter untermauert, der das Schulgebäude nicht als neutralen Behälter, sondern als „dreidimensionalen Lehrplan“ begreift (Dudek, 2015, S. 9). Architektur übernehme hierbei die Funktion des „dritten Pädagogen“ (Dudek, 2015, S. 11, 50, 64), ein Konzept, welches die physische Umgebung als aktiven Mitgestalter der sozialen, kognitiven und physischen Entwicklung der Schulkinder definiert. In Dudeks Verständnis ist der Raum ein Werkzeug, das pädagogische Visionen direkt in gebaute Realität übersetzt und das Lernen entweder befördern oder massiv behindern kann (Dudek, 2015).
Dieser Anspruch lässt sich laut Dudek nur durch einen partizipativen Ansatz realisieren. Er betont, dass Schüler*innen im Planungsprozess als Expert*innen integriert werden müssen (Dudek, 2015, S. 4, 50). Insbesondere im Bereich des Umbaus zeigt Susanne Hofmann in „Schools and Kindergartens: A Design Manual" auf, wie die Einbindung der Nutzer*innen dazu beitragen kann, nuancierte atmosphärische Qualitäten zu identifizieren und die Identifikation mit dem Gebäude als Lernpartner zu stärken (Dudek, 2015, S. 50).
3.2 Kriterien moderner nachhaltiger Schulbauten
Aus diesen pädagogischen Anforderungen leiten sich spezifische bauliche Prinzipien ab. Die Architektur soll Flexibilität bieten, so dass sie jederzeit an unterschiedliche Anforderungen angepasst werden kann (Kemp, 2015, S. 71-88).
Ein zentrales Entwurfsprinzip ist das „Future-Proofing“, um die Langlebigkeit der Bausubstanz gegenüber sich stetig wandelnden pädagogischen Trends abzusichern (Dudek, 2015, S. 9). Dies erfordert eine Abkehr von der starren Gang Typologie hin zu flexiblen Raumkonfigurationen (Dudek, 2015, S. 22). Dudek plädiert für transformierbare Zonen und multifunktionale Erschließungsräume, die als „Learning Landscapes“ den Übergang zwischen formellem Unterricht und informellem Lernen einfacher gestalten (Dudek, 2015, S. 22, 45).
Hinsichtlich der Nachhaltigkeit (Dudek, 2015, S. 40, 41) widerspricht das Manual der Annahme, ökologisches Bauen sei lediglich eine technische Voraussetzung oder ein passives Element für qualitatives Lernen. Vielmehr soll die Architektur als aktiver Begleiter beim Lernen fungieren (Dudek, 2015). Gebäude können durch die Transparenz technischer und ökologischer Prozesse, beispielweise Material und Ressourcennutzung, den Schüler*innen über einen direkten weg Nachhaltigkeit lehren (Dudek, 2015, S. 50). Die Architektur wird dadurch zum Vermittler von Umweltbewusstsein, indem sie ökologische Prinzipien räumlich erfahrbar macht.
Die Relevanz dieser baulichen Gestaltung wird durch die Ergebnisse der HEAD-Studie (Barrett, 2015, S. 119 - 131) empirisch untermauert: Demnach erklärt die Gestaltung der physischen Lernumgebung etwa 16 % der Variation im akademischen Fortschritt von Schüler*innen. Dies bedeutet konkret, dass fast ein Sechstel der Leistungsunterschiede zwischen Lernenden allein auf die architektonische Qualität des Klassenzimmers zurückzuführen ist, während die übrigen Anteile durch externe Faktoren wie die Lehrqualität oder die individuelle Begabung bestimmt werden. Die Argumentation von Barrett et al. verdeutlicht, dass eine optimierte physische Umgebung die kognitive Last senkt und das Wohlbefinden steigert, wodurch Schüler*innen ihr Potenzial messbar effizienter ausschöpfen können. Dieser Einfluss wird durch das sogenannte SIN-Modell (stimulation, individualisation, naturalness) strukturiert, wobei die Natürlichkeit (naturalness) mit einem Anteil von ca. 50 % den am stärksten gewichteten Faktor darstellt. Innerhalb dieses Bereichs korrelieren vor allem Lichtverhältnisse, Temperaturkontrolle und Luftqualität mit dem Lernerfolg (Barrett, 2015, S. 119 - 131). Tanner (Tanner, 2008) betont in diesem Kontext, dass ausreichendes Tageslicht sowie das thermische Wohlbefinden, durch steuerbare Sonnenschutzsysteme zur Vermeidung sommerlicher Überhitzung etwa, die biologische Basis für konzentriertes Arbeiten bilden können. Eine hohe Luftqualität, erreicht durch adäquate Raumvolumina und effektive Belüftungsstrategien, ist zudem essenziell, um die CO2-Konzentration als kognitiven Störfaktor gering zu halten (Tanner, 2008, S. 444 - 471). Darüber hinaus spielen die Individualisierung (25 %) und eine angemessene Anregung (25 %) eine entscheidende Rolle für das Nutzungsverhalten. Architektonische Elemente, die einen „Besitzanspruch“ (ownership) ermöglichen fördern das Verantwortungsgefühl und die Identifikation mit dem Lernraum (Barrett, 2015, S. 119 - 131). Dazu zählen unter anderem personalisierte Bereiche der Schüler*innen oder Ausstellungsflächen für Schüler*innenarbeiten. Ein mittleres Maß an visueller Komplexität und gezielte Farbakzente verhindern zudem sowohl sensorische Unterforderung als auch kognitive Überlastung. Entscheidend für die architektonische Planung ist die Erkenntnis, dass die Gestaltung des einzelnen Klassenzimmers weitaus wichtiger ist als das Gesamtdesign des Schulgebäudes. Die Architektur muss somit primär auf der Mikro-Ebene des unmittelbaren Lernraums wirksam werden, um eine nachhaltige Lernkultur zu etablieren (Tanner, 2008; Barrett, 2015).
3.3 Architektur als Bestandteil nachhaltiger Lernkultur
Die wissenschaftliche Untersuchung „live green, think green: Sustainable school architecture and children’s environmental attitudes and behaviors“ befasst sich mit der Fragestellung, inwiefern sich nachhaltige Architektur an Schulen auf das Bewusstsein der Schüler*innen gegenüber ihrer Umwelt und ihrem Nachhaltigen Denken auswirkt. Kern der Studie ist es, in einem empirischen Vergleich der Schüler*innen festzustellen, wie die Bestandsschulen gegenüber den modernen, explizit nachhaltig gestalteten Schulen auf die Nutzer*innen wirken. Mithilfe einer Meta Analyse wird dabei ausgewertet welche Faktoren das Umweltbewusstsein bei Volksschulkindern im Alter von 10-12 Jahren beeinflussen können.
Diese Evaluierungen kamen zu dem Ergebnis, dass sozioökonomische Faktoren wenig bis gar keinen Einfluss auf die Schüler*innen nahmen (Tucker, 2017). Im Gegensatz dazu wirke sich die Architektur und das damit verbundene Befassen mit Nachhaltigkeit eher positiv auf das Umweltbewusstsein der Schüler*innen aus. Der theoretische Ansatz von Tucker und Izadpanahi geht davon aus, dass eine direkte Korrelation zwischen der physischen Lernumgebung und der Entwicklung eines Umweltbewusstseins besteht. Der Text beschreibt, dass das tägliche Auseinandersetzten mit dem Thema automatisch eine bessere Einstellung (pro environmental attitude) und ein besseres Verhalten (pro environmental behavior) in Bezug auf Umwelt zur Folge habe. Grundlage der Studie ist eine durch Fakten gestützte, wissenschaftliche Herangehensweise, sowie die Auswahl solcher Schulen, welche sich rein durch ihre Auseinandersetzung mit umweltbasierten Themen unterscheiden. Die Bestandsschulen seien von Grund auf renoviert und dadurch auf dem gleichen schulischen Stand wie die modernen, besonders nachhaltig gestalteten Schulgebäude, mit denen sie verglichen werden. Die untersuchten modernen Schulen wurden dabei nach spezifischen ökologischen Parametern entworfen, die über die reine Funktionalität hinausgehen. Zu diesen Gestaltungsprinzipien gehören unter anderem eine hohe Energieeffizienz, der Einsatz von Photovoltaikanlagen sowie die Integration von Schulgärten, in denen aktiv Agrikultur betrieben wird. Architektur wird in diesem Kontext als Medium verstanden, welches Nachhaltigkeit für alle Nutzer*innen der modernen Schulen sichtbar macht. Sie soll in diesem Fall eine Nachhaltigkeit vorleben über diese dann die „pro environmental attitude“, sowie die „pro environmental behavior“ angeeignet werden kann. Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass die gebaute Umgebung einen messbaren Einfluss auf die Nutzer*innen hat. Schüler*innen aus den modernisierten und ökologisch zertifizierten Gebäuden entwickelten laut den Erhebungen ein stärkeres Bewusstsein für Nachhaltigkeit als die Vergleichsgruppe in herkömmlichen Bauten (Tucker, 2017, S. 209-216). Die Studie versteht somit, dass Kinder in einer Umgebung, die ökologische Werte baulich repräsentiert, automatisch eine ausgeprägtere Sensibilität für Umweltthemen ausbilden (Tucker, 2017). Ein wesentlicher Aspekt der Untersuchung ist die Identifikation konkreter baulicher Merkmale, die als positive Reize fungieren. Während in konventionellen Schulen solche Nachhaltigkeitsparameter oft gänzlich fehlen, ermöglichen die modernen Entwürfe eine kontinuierliche Interaktion mit nachhaltigen Systemen. Die Architektur fungiert hierbei nicht nur als passiver Hintergrund, sondern als aktiver Vermittler von Werten, der die täglichen Routinen und das Nutzungsverhalten der Schüler*innen prägt.
4.1 BNE – Modell
4.1.1 Hintergründe für den Bedarf an nachhaltigen Bildungssystemen
„Eine Schule ist wohl für viele Benutzer der erste und vielleicht einzige Ort, wo man mehr als nur herkömmliche Raumzuschnitte erleben kann. Diese Schule zeigt den Nutzern, dass Architektur nicht nur funktionieren, sondern darüber hinaus auch faszinieren kann." (Bundesministerium für Umwelt, 2014, S. 14)
Architektur kann mehr als rein statisches Objekt sein, so wird gebauter Bildungsraum mehr als bloße Hülle des Lernens und pädagogischen Handelns und entwickelt sich zum dynamischen Akteur, der einen wesentlichen Teil des partizipativen Rahmens einer Schule bildet. Bildungsräume haben somit die Fähigkeit, die Rolle eines wichtigen Bindungsgliedes zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen mit unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hintergründen einzunehmen und ein „Level Playing Field“, sprich gleiche Chancen und Bedingungen für Nutzer*innen, herzustellen und Benachteiligungen auszugleichen oder aufzuheben.
Eine Entwicklung, die sich nicht nur auf das einzelne Individuum auswirkt, sondern zukünftige gesellschaftliche Strukturen prägen kann, wird hier allen Menschen gleichermaßen in Form von Grunderfahrungen und Bildungsmöglichkeiten geboten.
Der Bildungsraum wird als immer wichtiger betrachtet, vor allem, da das hohe Angebot an Information eine ganz neue Rolle für Gebäude des Lernens vorsieht: In Anbetracht des enormen medialen Informationsüberschusses und der riesigen Bandbreite an Unterrichtsformen kann nicht mehr einzig die Vermittlung von Wissen im Vordergrund stehen. Vielmehr bedarf es einer Bildung von adäquatem Umgang mit Informationen und sinnvoller Wissensaneignung.
So sei es notwendig, Bildungsgebäude in Betracht der verändernden Ansprüche ausreichend flexibel zu planen, um Faktoren der Nachhaltigkeit gerecht werden zu können (Bundesministerium für Umwelt, 2014, S. 14-16).
4.1.2 Die Verankerung der Gestaltungskompetenz im BNE-Modell
Die moderne Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) folgt einem kompetenzorientierten Ansatz, bei dem nicht mehr die bloße Anhäufung von Faktenwissen, sondern die Befähigung zum Handeln im Mittelpunkt steht. Bereits 2008 setzte de Haan das BNE erstmalig in Verbindung mit dem von ihm ausformulierten „Konzept der Gestaltungskompetenz“ (de Haan, 2008, S. 1), welches fortan den theoretischen Kern nachhaltiger Bildung darstellt. Dieses Konzept der Gestaltungskompetenz bezeichnet eine spezifische Problemlösungs- und Handlungsfähigkeit. Wer über sie verfügt, ist in der Lage, den sozialen, ökonomischen und ökologischen Wandel der Gesellschaft aktiv mitzugestalten, anstatt ihm lediglich passiv gegenüberzustehen. Die Orientierung an diesem Konzept ist deshalb so grundlegend, weil sie Bildung als Prozess der aktiven Teilhabe definiert. In einem Umfeld, das – wie zuvor beschrieben – durch einen Informationsüberschuss geprägt ist, ermöglicht die Gestaltungskompetenz den Individuen, komplexe Zusammenhänge zu analysieren und Wissen in nachhaltige Handlungsstrategien zu übersetzen (de Haan, 2008, S. 1).
Für die Interaktion mit dem physischen Bildungsraum wird innerhalb dieses Modells diese Fähigkeit bewussten Handelns in acht Teilkompetenzen aufgeteilt. Zentrale Bedeutung spielen hierbei „Vorrausschauendes Denken“, „Weltoffenes Wahrnehmen“ und „Interdisziplinär Arbeiten“, wobei Schüler*Innen nicht nur fächerübergreifende Erkenntnisgewinnung erlernen sollen, sondern das Bewusstsein erlangen sollen, über Handlungen und laufenden Prozessen reflektieren zu können. Hierbei steht besonders im Vordergrund, dass Schüler*Innen bereits im jungen Alter gewisse Vorstellungen entwickeln können, wie Nachhaltigkeit die eigene Zukunft prägen und verändern kann und dies als Anreiz zu nutzen, das eigene Leben selbst im Sinne der Nachhaltigkeit zu modellieren und modifizieren (de Haan, 2008, S. 2-5). Dieses frühe Verständnis bildet den essenziellen Startpunkt individueller Partizipation, da erst durch Beteiligung vieler Individuen der Prozess nachhaltigen Entwickelns durch gesellschaftliches Lernen, Verständigen und Gestalten gefördert wird (Rieckmann, 2020).
Ergänzend dazu werden in den Teilkompetenzen nach de Haan (2008) die Fähigkeit zur Partizipation, Kooperation und Entschlossenheit adressiert. Hierbei geht es darum, Entscheidungen für nachhaltige Entwicklungsprozesse gemeinsam mit anderen treffen und umsetzen zu können und Projekte vorausschauend und gemeinschaftlich so zu gestalten, dass sie möglichst ressourcenschonend sind und spätere Folgen berücksichtigen. Es ist besonders wichtig für Kinder, Handlungsabsichten vom tatsächlichen Handeln des Menschen zu erkennen und zu trennen, da das separate Bewerten des Wollens und Tuns vom reinen Denken für nachhaltige Entwicklung erforderlich ist (de Haan, 2008, S. 2-6).
Diese Kompetenz erfordert Räumlichkeiten, die demokratische Prozesse und gemeinschaftliches Handeln baulich unterstützen. Die physische Umgebung dient somit als Übungsfeld, in dem die Lernenden erfahren, wie kollektive Entscheidungen über die Nutzung und Gestaltung ihres direkten Umfeldes wirksam werden. Die Gestaltungskompetenz bildet damit das Bindeglied zwischen der theoretischen Vermittlung von Nachhaltigkeit und der praktischen Erfahrung von Selbstwirksamkeit innerhalb der gebauten Infrastruktur (Rieckmann, 2020, S. 30).
4.1.3 BNE als ganzheitlicher System-Ansatz
Um jedoch das Vermitteln von Nachhaltiger Bildung nicht rein auf theoretischer Wissensvermittlung zu beschränken und davon auszugehen, dass die von de Haan beschriebenen Gestaltungskompetenzen mittels Didaktik zur Genüge ge- und erlernt werden können, bedarf es einer weiteren Lehrebene des nachhaltigen Denkens.
Hier bildet der „Whole Institution Approach“ ein wichtiges Bindungsglied, welches dem Anspruch des zukunftsfähigen und verantwortungsvollen Denken und Handeln dadurch gerecht wird, dass er Nachhaltigkeit nicht als isolierten Lerninhalt im Lehrplan begreift, sondern als ganzheitliches Prinzip, das durch die räumliche und soziale Praxis im gesamten Schulsystem erfahrbar und vorlebt wird (Rieckmann, 2020).
So müsse das BNE-Modell die gesamte Institution durchdringen, wie die Autorengruppe BNE-Kompetenzzentrum (2023) in Anlehnung an den von Rieckmann 2020 postulierten ganzheitlichen System-Ansatz betont.
Demnach reiche eben die alleinige Integration des BNE im Curriculum nicht aus, um nachhaltige Denkprozesse zu fördern, sondern müsse auf organisatorischer und institutioneller Ebene ebenfalls vorgelebt werden. Hier zählen Beschaffung und effektive Nutzung von Energie und Ressourcen, aber auch nachhaltige Ansätze in gesellschaftlicher Struktur wie die Partizipationskultur, faire Arbeitsverhältnisse, Diversität und vieles mehr (Autorengruppe BNE-Kompetenzzentrum, 2023).
Nach Rieckmann (2020) umfasst das vor allem ganz explizit den Bereich „Campus und Gebäude“, der Fokus liegt nicht mehr auf dem Klassenzimmer als Ort, wo Wissensvermittlung stattfinden soll, vielmehr wird das gesamte Gebäude als Lernakteur aktiviert. Dies soll den Zweck haben Kindern nicht nur über Themen zu unterrichten, sondern diese anschließend am eigenen Leib erfahrbar machen. Denn erst wenn nachhaltige Prozesse vorgelebt werden würden, könne man diese erst verdeutlichen und glaubhaft machen (Rieckmann, 2020, S. 24-29).
Diese theoretische Fundierung liefert die notwendige Begründung für unseren Praxisrahmen: Die Analyse des „nachhaltigen Klassenzimmers“ dient in dieser Arbeit dazu, das Bewusstsein der Schüler*innen für genau diese systemischen Verknüpfungen zu untersuchen. Im Sinne des Whole Institution Approach wird hierbei evaluiert, ob die Kinder den Raum bereits als ein beeinflussbares Teilsystem wahrnehmen, in dem sich ihre Gestaltungskompetenz manifestieren kann. Die physische Umgebung bildet somit das notwendige Bindeglied, um theoretisches Wissen und der praktischen Erfahrung von Selbstwirksamkeit zu koppeln.

Abbildung 1: Whole Institution Approach zusammengefasst – eigene Grafik
4.2 Erhebungsmethoden
Zur Untersuchung der Fragestellung ob und wie Architektur über die reine Energieeffizienz hinaus als Medium nachhaltiger Bildung wirken kann, nutzt diese Arbeit zwei Erhebungsmethoden. Einerseits soll die Möglichkeit der partizipativen Mitwirkung der Schüler*innen erforscht werden. Dafür wurde im Rahmen eines Schulbesuchs an dem BRG 9 in Wien, eine Schulführung durchgeführt, bei der eine ausgewählte Gruppe Schüler*innen der Schule interviewt wurden. Zusätzlich gab es in der dritten Klasse des Gymnasiums einen 20-minütigen Workshop zum Thema Nachhaltigkeit. Hierbei wurde das Bewusstsein der Schüler*innen zuerst allgemein zum Wissen über Nachhaltigkeit abgefragt und anschließend durch gezielte Fragen spezifisch in eine ökonomische und architektonische Richtung gelenkt. Das Erich Fried Realgymnasium, Glasergasse 25, 1090 in Wien verfolgt das Interesse den Schüler*innen Nachhaltigkeit nahzulegen. Es gibt an der Gründerzeitschule unter anderem Klimabeauftragte, die sich für eine klimagerechte und nachhaltige Schule einsetzen. Diese wirken als Kontaktstelle für Partnerorganisationen, Klimaprojekte oder auch Klimabildung. Zudem wurde das BRG 9 im Jahr 2023 im Rahmen der Agenda 2030 der Vereinten Nationen mit dem SDG-Award honoriert (BRG9).

Abbildung 2: Foto 1 BRG 9

Abbildung 3: Foto 2 BRG 9

Abbildung 4: Foto 3 BRG 9
Zusätzlich wurden zwei Leitfaden-Interviews mit Expert*innen durchgeführt. Einerseits wurde ein Interview mit dem Wiener Büro PPAG architecs geführt, welches unter anderem im Bereich des Schulbaus sehr intensiv tätig ist. Ein besonderes Merkmal ihrer Arbeit ist die ganzheitliche Planung. PPAG begreift Architektur nicht nur als gebaute Hülle, sondern setzt sich auch intensiv mit Möblierung und Inneneinrichtung auseinander. Im Rahmen einer Ausstellung „Von der neuen Schule“ (PPAG, 2018) präsentiert das Büro in 19 Stationen die Kernthemen des zeitgemäßen Bildungsbaus anhand von gebauten und umgebauten Projekten. Dabei wurde aufgezeigt, dass es möglich sei, innovative Pädagogik, Architektur, Ästhetik und Wirtschaftlichkeit auf hohem Niveau zu vereinen. Da europaweit ein starker Ausbau von Bildungseinrichtungen stattfindet, sei es wichtig, diese Diskussion über neue Schulbauten in eine breite Öffentlichkeit zu tragen (PPAG, 2018). Für diese Arbeit wurde ein Interview mit Christian Wegerer (PPAG) durchgeführt. Der Fragenkatalog verfolgt das Thema des nachhaltigen Bauens mit einem besonderen Fokus auf den Schulbau. Dabei decken die Fragen das gesamte Spektrum von der theoretischen Definition und historischen Entwicklung bis hin zur praktischen Umsetzung und der pädagogischen Auswirkung ab. Es werden ökologische Standards, räumliche Qualitäten und die Einbeziehung von Nutzer*innen in den Entwurfsprozess erfragt. Generell mit dem Fokus auf zukunftsfähige Bildungsbauten im Klimawandel.
Das zweite Interview erfolgte mit dem Wiener Büro S.E.A. SHIBUKAWA EDER ARCHITECTS. Dieses zeichnet sich dadurch aus, insbesondere im Bereich des Bildungsbaus eine Vielzahl an Projekten entworfen zu haben. S.E.A. folgt als österreichisch-japanisches Architekturbüro allgemein dem japanischen Konzept des „Ma“. Der Fokus lieg dabei auf den Qualitäten von Zwischenräumen und der bewussten Beziehung zwischen Innen und Außen. Das Büro ist unter anderem auch in dem 2026 erschienenen Buch „Neue Lernwelten – Impulsgebende Schulen und Kindergärten in Wien“ von Christian Kühn und des ÖISS - Österreichisches Institut für Schul- und Sportstättenbau (Hg.) vertreten (S.E.A., 2007). S.E.A. verfolgt das generelle Ziel nicht nur Räume zu schaffen, welche Freude bereiten, sondern auch die Umweltbelastung zu minimieren und die Energieeffizienz zu optimieren. Dabei arbeitet das Büro unter anderem dicht zusammen mit der MA 56 (Magistratsabteilung 56), welche für den Schul- und Bildungsbau in Wien verantwortlich ist und 2009 ausschlaggebend für das Wiener Bildungscampus Modell war (Stadt Wien).
Zur Auswertung der Forschungsfrage, ob energieeffiziente und klimaneutrale Gestaltungsprinzipien das Raumklima und das Nutzungsverhalten in modernen Schulbauten beeinflussen, und welche architektonischen Elemente sich tatsächlich auf ein nachhaltiges Bewusstsein der Nutzer*innen auswirken, ohne davon auszugehen, dass technische und strukturelle Gegebenheiten der Architektur allein ausreichen, um Wissen und Bewusstsein über ökologische Themen zu vermitteln, werden die Interviews mit den Schüler*innen des BRG 9 und den Expert*innen, sowie die ausgearbeiteten Arbeitsblätter zuerst mittels Qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet und anschließend gegenübergestellt.
4.2.1 Schulbesuch des BRG 9, Wien
Der Schulbesuch im BRG 9 bestand aus drei Teilen. Zuerst wurde eine Gruppe von fünf Schüler*innen der Klasse 3B bei einer Führung durch das Schulgebäude interviewt. Dabei lag der Fokus auf dem subjektiven Empfinden der Schüler*innen in der Schule und wie sie diese während des Schulalltags nutzen. Im anschließenden Workshop mit der gesamten Klasse wurde ein Tafelbild, in Form einer Mindmap, erstellt. Im Fokus stand dabei der Begriff Nachhaltigkeit und die Frage, was sich die Schüler*innen der 3B darunter vorstellen. Es wurden Begriffe wie „recycling“, „Langlebigkeit“, „Sparsamkeit“, „Bio“ und „regional“/ „saisonal“ diskutiert. Bei weiterem Nachhaken bezüglich ökonomischer sowie architektonischer Faktoren wurden Begriffe wie „Logistik“, „Transport“, „Stromverbrauch“, „Heizen“ und „natürliche Rohstoffe“ genannt.

Abbildung 5: Tafelbild – eigene Grafik
Anschließend wurde ein Arbeitsblatt ausgeteilt, bei dem die Schüler*innen ihr eigenes nachhaltiges Klassenzimmer gestalten sollten. Hierbei lag der Fokus auf dem Umgang und dem Wohlbefinden in ihrem derzeitigen Klassenzimmer und über welche nachhaltigen Aspekte dieses verbessert werden könnte.

Abbildung 6: „Mein nachhaltiges Klassenzimmer“ - eigene Grafik
4.3 Auswertungsmethoden
4.3.1 Auswertung der Schüler*innen-Perspektiven
Im Zuge des Schulbesuchs wurden insgesamt 26 Arbeitsblätter von Schüler*innen ausgearbeitet, welche folglich analytisch als Grundlage zwischen theoretischem Rahmen und der nutzer*innen-bezogenen Wahrnehmung im Klassenzimmer im Sinne der Partizipation dienen. Dabei offenbart ein Blick auf die Gruppe, die sich primär aus zwölf- bis dreizehnjährigen Jugendlichen, männlich und weiblich fast genau ausgewogen, zusammensetzt, eine sehr starke Varianz der Wahrnehmung des aktuellen Ist-Zustands des Lernraums. Während von den auswertbaren Daten die männlichen Teilnehmer sehr ausgeglichen eine neutrale bis zufriedene Einstellung (4 zufrieden, 5 neutral, 2 unzufrieden) zu ihrem jetzigen Klassenraum äußern, zeichnen die Antworten der Mädchen ein deutlich kritischeres Bild. Nur zwei Schülerinnen gaben an, im aktuellen Umfeld wirklich glücklich zu sein, ebenso waren zwei unzufrieden mit den derzeitigen Umständen im Klassenzimmer. Dahingegen waren neun der Schülerinnen neutral dazu eingestellt, woraus sich eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem Raum erschließen lässt. Dies steht in direkter Korrelation mit Aspekten, die von Architekt*innen bei der Planung aktueller Bildungsgebäude berücksichtigt werden sollten. So spricht beispielsweise Christian Wegerer (2025) von Identifikation im und mit dem Klassenraum und daraus resultierend ein nachhaltigerer Umgang mit den Gegebenheiten.
Eine solche neutrale Einstellung der Kinder könnte durch sehr konkrete Defizite auftreten: Die Jugendlichen bemängeln eine schlechte Luftqualität, eine belastende Akustik und eine fehlende Ästhetik, beziehungsweise einen Zustand des Klassenzimmers, in dem wenig Wohlbefinden vermittelt wird.
Aus der Erhebung der Arbeitsblätter tritt klar hervor: Die Jugendlichen wollen einen Raum, in dem sie sich wohlfühlen können und mit dem sie sich identifizieren können. Das wird deutlich durch die immer wieder auftretenden Erwähnungen vom Wunsch nach „angenehmen“ Möbeln, Couches und Teppichen im Klassenzimmer und der Einbindung extracurriculären Aktivitäten wie Freizeit und Spiele (siehe Abbildung 10,Abbildung 11, Abbildung 12).
Häufigster Wunsch ist hier die Implementierung von Natur und Pflanze im Klassenzimmer. Rund 40% der Schüler*innen beschrieben Teile des imaginären „nachhaltigen Klassenzimmers“ als „grün“ und mit vielen Pflanzen bestückt.
Ähnlich oft erwähnt werden nachhaltige Ressourcen als Materialien für den perfekten Lernraum. Hier sind Rohstoffe wie Holz und Kork mit circa 35% besonders im Raum erwünscht. Trotzdem bleibt über reines Wohlfühlen hinaus die Funktionalität im Raum ein wichtiger Aspekt. Ein Viertel der Kinder beschrieb in ihrer Denkaufgabe Möbel wie Tische und Sessel, aber auch Tafel, da diese essenzielle und immer bestehende Bestandteile für ihren Schulalltag sind. Ein gleich großer Anteil erwähnte zusätzlich Fenster, teils beschrieben als „groß“ oder „offen“ (siehe Anhang Arbeitsblätter).
Im Gegensatz dazu sollten die Schüler*innen anschließend beschreiben, in welchen Aspekten sich dieser Fantasieraum zum bestehenden Klassenzimmer unterscheidet und abhebt. Hier werden erneut häufig Themen wie Natur und Pflanzen genannt, sowie der Wunsch nach verbessertem Raumklima. Dabei ist auch ein klares Bewusstsein zu nachhaltigen Verhaltensweisen zu sehen, da viele der Kinder die Temperaturregulierung mit „weniger heizen“ und „bessere Luftqualität“ in Verbindung gesetzt haben, wodurch wiederum nachhaltige Prozesse auf technischer und raumklimatischer Ebene beleuchtet werden.
In den Zeichnungserhebungen wird klar: Pflanzen nehmen in den Entwürfen eine Schlüsselrolle ein und werden nicht bloß als Dekoration, sondern als lebendiger Teil des Raumes gedacht – von Mooswänden oder Bäumen direkt im Klassenzimmer bis hin zum gesamten Unterricht draußen (siehe Abbildung 7, Abbildung 8). Diese Sehnsucht nach Natur korreliert eng mit den Vorstellungen zur Materialität. Die Kinder fordern spezifisch haptische und ökologische Baustoffe wie Holz, Lehm oder Kork und zeigen dabei bereits Bewusstsein für die Kreislaufwirtschaft, indem sie nachhaltige Möbel aus recycelten Materialien oder Altholz priorisieren (siehe Abbildung 10).
Dennoch verliert sich der Blick der Kinder nicht in reinen Utopien; die grundlegende Funktionalität des Bildungsraumes bleibt in fast allen Darstellungen gewahrt. So finden sich in den Zeichnungen konsequent bekannte Elemente des schulischen Alltags wieder, die die Basis für das Lernen bilden. Tische, Stühle, Fenster, Lampen und Tafel gewähren so einen funktionierenden Lernraum, während andere Aspekte den Fokus auf Bequemlichkeit haben (siehe Anhang Arbeitsblätter).
Ein wiederkehrendes Element ist dabei der explizite Wunsch nach direktem Zugang zu frischem Trinkwasser. Mehrere Schüler*innen integrierten spezifische Waschbecken oder Wasserspender in ihre Entwürfe, oft verbunden mit dem qualitativen Anspruch an Wasser - ein Indikator dafür, dass neben der pädagogischen Ausstattung auch die Befriedigung grundlegender physischer Bedürfnisse als essenzieller Bestandteil einer funktionierenden und nachhaltigen Lernumgebung wahrgenommen wird (siehe Abbildung 10, Abbildung 13,Abbildung 14).
Die Arbeitsblätter belegen, dass das „Nachhaltige Klassenzimmer“ für Schüler*innen kein abstrakter technischer Standard ist. Es ist ein Schutzraum, der durch natürliche Materialien und Pflanzen eine Atmosphäre schafft, in der man sich sicher und glücklich fühlt. Technische Elemente wie Solaranlagen werden berücksichtigt, aber deren Wirkung, sprich das entstehende verbesserte Raumklima, steht im Vordergrund. Besonders kritisch wird der Ist-Zustand gesehen, was die Dringlichkeit baulicher und pädagogischer Anpassungen unterstreicht.

Abbildung 7: Zeichnungsmapping

Abbildung 8: Zeichnungsmapping

Abbildung 9: Zeichnungsmapping

Abbildung 10: Zeichnungsmapping

Abbildung 11: Zeichnungsmapping

Abbildung 12: Zeichnungsmapping

Abbildung 13: Zeichnungsmapping

Abbildung 14: Zeichnungsmapping
Das Interview mit dem Wiener Architekturbüro PPAG architects erfolgte mit dem Architekten Christian Wegerer. Dieser war bereits Projektleiter bei Schulbauten und an der Ausstellung „Von der neuen Schule“ beteiligt.
Im Interview erläutert Christian Wegerer, warum moderner Schulbau weit über die rein technische Erfüllung ökologischer Standards hinausgehen muss. Nachhaltigkeit wird hier nicht nur als Energieeffizienz verstanden, sondern als Bestandteil der pädagogischen Architektur, die das Bewusstsein der Schüler*innen aktiv formt(Wegerer, 2025, siehe Anhang).
Ein zentrales Leitmotiv des Gesprächs ist das Konzept des „dritten Pädagogen“. Wegerer erklärt, dass es neben den Lehrpersonen und den Mitschüler*innen auch noch einen weiteren pädagogischen Begleiter im Schulalltag geben sollte. Das Gebäude selbst soll hier die Möglichkeit bieten interaktiv zu handeln und durch die Architektur gefördert zu werden. Ein Schulgebäude soll demnach keine passive Hülle sein, sondern Möglichkeiten für individuelle Lernmethoden offenlassen. Nachhaltigkeit darf bei einem Bildungsbau laut Wegerer nicht rein technisch aufgefasst werden. Die Nutzer*innen müssen sich in dem Gebäude Wohlfühlen können, um auch nachhaltig eine Identifikation mit der Bausubstanz aufzubauen und infolgedessen achtsamer damit umgehen zu können.
Wesentlich für die moderne Planung von Bildungsbauten, wie PPAG diese auffasst ist die Abkehr von der architektonisch traditionellen „Gangschule“. Das Büro setzt beispielweise in einem Wettbewerb für einen Bildungscampus in der Stadt Wien auf quadratische Grundrisse der Klassenräume und auf Typologien, die dem Cluster-Prinzip folgen. Dadurch, dass die Klassenräume keine Richtung vorgeben, kann Unterricht weniger frontal abgehalten werden und das Hierarchiegefühl zwischen Lehrperson und Schüler*innen wird gebrochen. Gewollt sind flexible Lernlandschaften nach dem Prinzip der Clustertypolgie. Bei diesem werden mehrere Klassenverbände zu einer zusammenhängenden Einheit gefasst, wodurch beispielsweise altersübergreifenden lernen gefördert werden kann. Etwa wenn Schüler*innen der ersten bis vierten Klasse gemeinsam in einer offenen Lernzone arbeiten.
Wegerer erklärt, für die Raumstruktur sei die Möblierung allerdings gleichwertend wichtig. Für den Bildungscampus wurden beispielsweise Dreipersonentische entworfen, welche durch ihre polygonale Form keine Richtung vorgeben und leicht zu Gruppentischen von zwei bis fünf Tischen zusammengestellt werden können. Durch die flexible Nutzbarkeit des sogenannten „MANTA Tischs“ werden die Schüler*innen dazu angeregt, ihren Raum aktiv zu individualisieren und umzugestalten, je nach erforderlicher Aufteilung. Wenn Kinder ihre Tische zu Inseln zusammenschieben, lernen sie soziale Kooperation und räumliche Flexibilität. Die Möblierung bietet hier den Rahmen für Individualität.
In Bezug auf die Materialität erklärt Wegerer (Wegerer, 2025, siehe Anhang), es sei wichtig für das Bewusstsein der Schüler*innen gegenüber der Nutzbarkeit eines Raums, rohe Materialien und technische Details offen zu legen. Die Nutzer*innen können das Gebäude durch offene Kabeltrassen, Lüftungen oder rohes Material wie Beton und Holz viel besser verstehen und fühlen sich dadurch individueller mit der Bausubstanz verbunden. Die Kinder sollen begreifen, wie ein Gebäude funktioniert, woraus es besteht und wie Ressourcen genutzt werden. Diese Transparenz macht Nachhaltigkeit im Alltag greifbar und wirkt wie ein ungeschriebener Lehrplan.
Ein weiteres wichtiges Thema ist der Umgang mit dem Bestand. Wegerer betont, dass das nachhaltigste Gebäude oft jenes ist, welches bereits steht. Die Umnutzung und Sanierung von Bestandsbauten sparen enorme Mengen an Energie, welche bei einem Neubau für die Produktion von Beton und Stahl aufgewendet werden müssten. Er betont jedoch auch, dass dies oft schwieriger ist als ein Neubau.
Abschließend unterstreicht das Interview, dass Architektur allein nicht ausreicht, damit die innovativen Konzepte greifen. Dazu müssen Pädagog*innen und Lehrpersonal bereit sein, die neuen Möglichkeiten, wie flexible Trennwände oder offene Lernzonen, auch tatsächlich zu nutzen. Nachhaltiger Schulbau ist somit ein zusammenhängendes Konzept aus Lehre, Architektur und Nutzung.
Das zweite Interview wurde mit dem Architekten Dipl.-Ing. Raphael Eder geführt. Er ist Leiter des Wiener Architekturbüros „S.E.A SHIBUKAWA EDER ARCHITECTS“ und konnte sich über langjährige Erfahrung in der Planung von Bildungsbauten, unter anderem für die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) und die Stadt Wien (MA56), etablieren. Eder gibt Einblicke in die technische und praktische Realisierung nachhaltiger Konzepte und thematisiert dabei das Spannungsfeld zwischen ökologischen Zertifizierungen, ökonomischen Rahmenbedingungen und der tatsächlichen Nutzungswahrnehmung.
Ähnlich wie Wegerer begreift auch Eder das Schulgebäude als „dritten Pädagogen“. Er betont jedoch, dass die Sichtbarkeit nachhaltiger Maßnahmen – etwa eine offen gezeigte Holz-Hybrid-Konstruktion – allein oft nicht ausreicht, um ein Bewusstsein bei den Schüler*innen zu schaffen. Laut Eder ist die Vermittlungsarbeit durch das Lehrpersonal essenziell: Architektur könne zwar den notwendigen Rahmen bereitstellen, doch erst die pädagogische Aufbereitung mache die ökologischen Vorteile gewisser Planungsansätze und Bauweisen für die Nutzer*innen greifbar (Eder, 2025, siehe Anhang).
Besonders großen Fokus legen S.E.A bei der Planung auf ökologische Qualität der Bausubstanz, zwar sei sie nicht immer gefordert, jedoch gäbe es mittlerweile viele Ausschreibungen, insbesondere für Bildungsbauten, bei denen gewisse ökologische Zertifizierungen erreicht werden müssen, um die Realisierung zugeschrieben zu kriegen, so erklärt Raphael Eder. Hierbei geht es nicht nur um die Materialwahl, sondern auch um ein ganzheitliches technisches Konzept: den Verzicht auf fossile Brennstoffe, die Nutzung von Geothermie sowie die Sicherung einer hohen Luftqualität. Eder hebt hervor, dass die Aufmerksamkeit der Schüler*innen direkt von der Architektur beeinflusst wird - eine sensorgesteuerte Lüftung, die den CO2-Wert niedrig hält, sei eine Grundvoraussetzung für erfolgreiches Lernen.
Neben technischen Aspekten liefert Eder allerdings auch Einblick in die Relevanz typologischer Änderungen. Neue Schulbauten werden somit in Wien fast ausschließlich in Form vom Bildungscampus geplant, diese lösen die traditionelle Raumtypologie der Gangschule ab und wandeln sich immer stärker zum Konzept der „Clusterschulen“.
Dabei spielt die Anordnung und Flexibilität der einzelnen Klassenzimmer eine fundamentale Rolle, doch auch die Zwischenräume werden aktiviert – es entsteht eine gemeinsame Mitte. Am Beispiel der Sanierung und Erweiterung einer Schule in der Zirkusgasse erläutert Raphael Eder, wie durch architektonische Eingriffe aus reinen Erschließungsflächen hochwertige Aufenthalts- und Lernzonen entstehen können. Durch das Aufbrechen versiegelter Innenhöfe, den Einbau von Sitzstiegen und die Schaffung von Dachgärten werden neue Räume für Kommunikation und Identifikation geschaffen. Diese „Klimainseln“ dienen nicht nur der ökologischen Aufwertung, sondern steigern auch die Aufenthaltsqualität der Nutzer*innen massiv.
Allerdings thematisiert Eder auch die negativen Seiten der Baubranche: er problematisiert die Materialität im Kontext der Kreislaufwirtschaft und plädiert für den Erhalt von Bestand, da beispielsweise Gründerzeitbauten durch ihre Flexibilität und thermischen Eigenschaften oft nachhaltiger sind als moderne Neubauten. Gleichzeitig weist er außerdem auf die Hürden bei der Entwicklung und Verwendung innovativer oder ökologischer Baustoffe und neuen Bausystemen hin, die oft am Widerstand der Bauherr*innen oder an strengen Zertifizierungsprozessen scheitern.
So müsse die Bauherrenschaft mehr Vertrauen in die Planung der Architekt*innen legen, da diese Pionierlösungen zwar anfangs um einiges kostspieliger seien als herkömmliche Bauweisen, sich diese aber mit der richtigen Planung über längere Zeit rentieren würden, so Eder. Er betont dabei, dass die aktuelle Baukultur lediglich aus einer Konvention heraus existiert, man traue sich nicht mehr, Anderes auszuprobieren, Betonbauten geben einen funktionierenden Standard vor, an dem man festhält. (Eder, 2025, siehe Anhang)
Nachhaltigkeit im Schulbau ist für Eder daher auch eine Frage des politischen und ökonomischen Willens: Ein Gebäude kann nur dann langfristig nachhaltig sein, wenn die Auftraggeberschaft bereit ist, in langlebige Materialien zu investieren, und die Nutzer*innen das Gebäude in seiner Funktionsweise verstehen.
Abschließend hält Eder fest, dass eine gelungene Schularchitektur die Identität der Schüler*innen stärkt. Wenn Kinder spüren, dass ihr Raum wertvoll und durchdacht gestaltet ist, sinkt die Tendenz zu Vandalismus, und die Wertschätzung für die gebaute Umwelt wächst. Damit schließt sich der Kreis zur Pädagogik: Architektur schafft die Atmosphäre, doch die nachhaltige Wirkung entfaltet sich erst im Zusammenspiel mit einer aktiven Nutzung und Vermittlung.
Die Analyse der theoretischen Grundlagen in Verbindung mit den empirischen Erkenntnissen aus den Experteninterviews und der Begehung des BRG 9 macht deutlich, dass moderner Schulbau im Kontext des Klimawandels eine fundamentale Neudefinition erfahren hat. Eine zentrale Kernaussage der vorliegenden Untersuchung ist, dass Architektur im Bildungsbau ein hocheffizientes Medium zur Förderung von Lernqualität und Nachhaltigkeitsbewusstsein darstellt, sofern sie als integraler Bestandteil eines ganzheitlichen Systems betrachtet wird. Die theoretische Annahme des Raumes als „dritten Pädagogen“ (Dudek, 2015; Kemp, 2015) findet eine direkte Entsprechung in der Praxis von PPAG und S.E.A. architects. Christian Wegerer (PPAG) betont in diesem Zusammenhang, dass die bauliche Struktur nicht nur eine passive Hülle ist, sondern durch ihre Materialität und Formgebung aktiv pädagogische Prozesse steuert. Diese Sichtweise deckt sich mit der in der Literatur beschriebenen Wirkung der physischen Umgebung auf die kognitive Entwicklung (Barrett, 2015). Während die Theorie der Gestaltungskompetenz nach de Haan (de Haan, 2008) die Befähigung zum Handeln in den Vordergrund stellt, liefert die Architektur von PPAG durch das Konzept der „Learning Landscapes“ (PPAG, 2018) die notwendige räumliche Bühne dafür. In den Interviews wurde deutlich, dass die Abkehr von der klassischen Gangschule hin zu Clustermodellen keine rein ästhetische Entscheidung ist, sondern eine funktionale Voraussetzung für zeitgemäße Pädagogik. Die offenen Lernzonen und die flexible Möblierung, welche Rieckmann (2020) im Rahmen des „Whole Institution Approach“ als essenziell für eine nachhaltige Schulkultur beschreibt, finden auch ihre Wichtigkeit im Entwurfsprozess PPAGs. Das Gebäude fungiert hierbei als lehrender Pädagoge, der durch seine Transparenz ökologische und soziale Prozesse sichtbar macht. Ein prägnantes Beispiel für diese Synergie ist die Verwendung „ehrlicher“ Materialien (Wegerer, 2025, siehe Anhang). In der Theorie wird beschrieben, dass sichtbare Materialzyklen und technische Details das Verständnis für Ressourcennutzung schärfen (Dudek, 2015). Christian Wegerer (Wegerer, 2025, siehe Anhang) bestätigte dies im Interview durch den bewussten Verzicht auf Verkleidungen, um die „Ehrlichkeit“ von Beton, Holz und Leitungsführungen zu bewahren.
Doch genau an diesem Punkt der theoretisch wichtigen Materialehrlichkeit offenbart die empirische Erhebung im BRG 9 eine deutliche Diskrepanz zwischen architektonischem Anspruch und der gelebten Realität der Schüler*innen. Während die Fachliteratur und die Experteninterviews die didaktische Offenlegung der Bausubstanz als wichtigen Schritt zum Nachhaltigkeitsverständnis sehen, stellen sich im Mapping der BRG 9 Erhebung andere Interessen der Schüler*innen als wichtiger heraus. Die Schüler*innen zeigten zwar ein beachtliches theoretisches Wissen, konnten im Workshop kompetent über nachhaltige Alternativen zu Ziegeln oder Dämmstoffen diskutieren, doch die tatsächliche Bausubstanz ihres Schulgebäudes ließ sie im Alltag weitestgehend gleichgültig. Diese Beobachtung führt zu einer kritischen Reflexion. Die rein bauliche Vermittlung von Nachhaltigkeit scheint an der unmittelbaren Lebenswelt der Lernenden vorbeizugehen, wenn sie nicht durch atmosphärische Qualitäten ergänzt wird.
Für die Schüler*innen des BRG 9 steht nicht die stoffliche Beschaffenheit der Wand im Vordergrund, sondern die Qualität des Raumes als sozialer und individueller Rückzugsort. In den Gesprächen wurde deutlich, dass das Klassenzimmer primär als Ort der Individualität und einer angenehmen Atmosphäre wahrgenommen wird. Aussagen wie „die anderen sind anstrengend und laut“ (siehe Anhang Arbeitsblätter) unterstreichen den hohen Bedarf an Differenzierung innerhalb des Raumes. Da die Schüler*innen unterschiedliche Lernerfolge erzielen und einen subjektiven Anspruch an die Lernumgebung stellen, wird die Forderung nach Individualisierung zum zentralen Kriterium. Hier treffen sich die Wünsche der Nutzer*innen wieder mit der Praxis von PPAG. Christian Wegerer (Wegerer, 2025, siehe Anhang) betont im Interview, dass ihre Entwürfe darauf abzielen, in jedem Raum möglichst viele Nutzungen gleichzeitig zu ermöglichen. Das Ziel ist eine Architektur, die es jeder einzelnen Person erlaubt, so zu lernen, wie es persönlich nötig ist.
Der Wunsch nach Gemütlichkeit und einem fast häuslichen Wohlbefinden verdeutlicht, dass die rein technische oder ökologische Nachhaltigkeit der Bausubstanz allein keine emotionale Bindung erzeugt. Ein Gebäude, welches als „dritter Pädagoge“ fungieren soll, muss also einerseits ökologisch transparent sein, andererseits aber auch eine Atmosphäre bieten, welche über das rein Funktionale hinausgeht.
Ein wesentlicher Reibungspunkt ergibt sich aus der Studie von Tucker (2017), die nahelegt, dass nachhaltige Handlungen im Schulalltag - wie das Ablesen von Stromzählern oder die Gartenarbeit - das Umweltbewusstsein maßgeblich prägen. Die im Rahmen dieser Arbeit durchgeführte Befragung am BRG 9 sowie die Experteninterviews setzen hier einen klaren Kontrapunkt. Für die Schüler*innen ist die ökologische Bilanz des Gebäudes im Alltag oft nebensächlich. Das „nachhaltige Bewusstsein“, wie Tucker (2017) es beschreibt, entsteht nicht automatisch durch die Nutzung eines zertifizierten Gebäudes. Vielmehr zeigt sich, dass den Lernenden ökologische Aspekte zugunsten von Raumklima und Aufenthaltsqualität untergeordnet sind.
In diesem Kontext liefert das Interview mit Raphael Eder (S.E.A.) wichtige ergänzende Perspektiven. Eder (Eder, 2025, siehe Anhang) betont die Bedeutung der baulichen Substanz und der technischen Umsetzung - etwa den Einsatz von Holzbauweise oder Tiefengeothermie - sieht diese jedoch primär in der Verantwortung der Planer*innen und Bauherren, um die globalen Klimaziele zu erreichen. Für die Endnutzer*innen steht laut Eder (Eder, 2025, siehe Anhang) die Funktionalität und die Atmosphäre im Vordergrund. Er weist darauf hin, dass nachhaltiger Bildungsbau zwar die strukturelle Voraussetzung schafft, um Themen wie Ressourcenschonung überhaupt erst glaubwürdig in den Schulalltag zu integrieren, die Architektur selbst dies aber nicht ohne Lehrpersonal beibringen kann. Nachhaltigkeit im Bauwesen ist demnach eine moralische und technische Notwendigkeit der Errichtungsebene, während das Bewusstsein der Nutzer auf der sozialen und pädagogischen Ebene gebildet werden muss.
Die Synthese der theoretischen Grundlagen, der empirischen Studien sowie der Experteninterviews erlaubt eine kritische Einordnung der Wechselwirkung zwischen Schularchitektur und der Bildung eines nachhaltigen Bewusstseins. Während ein Teil der Literatur eine direkte pädagogische Wirkung baulicher Maßnahmen postuliert, zeichnet die Zusammenführung der vorliegenden Daten ein differenzierteres Bild, das die Architektur primär in einer unterstützenden und atmosphärischen Rolle sieht.
Ein zentraler Konsens der untersuchten Quellen liegt darin, dass Architektur nicht als reine, funktionale Hülle verstanden werden darf. Vielmehr muss sie als integraler Bestandteil der pädagogischen Umwelt fungieren, der die Nutzer*innen, Schüler*innen sowie Lehrkräfte dabei unterstützt, die Qualität von Lehr- und Lernprozessen zu steigern. Ein wesentlicher Aspekt ist hierbei die Anpassungsfähigkeit. Architektur muss flexibel auf sich ändernde Bedürfnisse reagieren können. Wie im Interview mit Herrn Wegerer deutlich wurde, spielt die Einbeziehung der Meinung der Schüler*innen eine entscheidende Rolle. Für die Lernenden steht nicht die abstrakte Nachhaltigkeit des Gebäudes im Vordergrund, sondern das unmittelbare Wohlbefinden. Schule muss demnach primär ein „Wohlfühlort“ sein, der Gemütlichkeit und Individualität zulässt, um als Basis für erfolgreiche Bildungsprozesse dienen zu können.
In der Literatur wird häufig argumentiert, dass Nachhaltigkeit durch die Verwendung von „rohen“ Materialien oder das bewusste Sichtbarmachen technischer Gebäudeaspekte besser erfahrbar gemacht werden kann. Diese baulichen Elemente sollen als „stumme Lehrmeister“ fungieren.
Die vorliegende Arbeit positioniert sich hierzu jedoch differenziert. Zwar kann die Architektur diese Themen physisch präsent machen, doch die bloße Präsenz führt nicht zwangsläufig zu einer Bewusstseinsbildung. Die Analyse unterstreicht, dass solche architektonischen Angebote erst dann wirksam werden, wenn sie durch das Curriculum und die Lehrpersonen aktiv aufgegriffen werden. Ohne die Einbettung in den pädagogischen Alltag bleibt die bauliche Geste eine rein ästhetische oder technische Entscheidung ohne direkten Einfluss auf das Nutzerverhalten.
Die Kernaussage des gesammelten Wissens lässt sich dahingehend zusammenfassen, dass Architektur eine wichtige Begleiterin des Schulalltags ist, dessen Hauptaufgabe in der Bereitstellung eines optimalen Raumklimas und einer hohen Aufenthaltsqualität liegt. Individualität und die Möglichkeit zur Aneignung des Raumes durch die Schüler*innen sind die entscheidenden Faktoren. Wenn sich Lernende in ihrem Umfeld wohlfühlen, steigt die Bereitschaft, sich mit den Inhalten der Bildung für nachhaltige Entwicklung auseinanderzusetzen.
Daraus ergibt sich eine entscheidende Position für die Wirksamkeit von Bildungsbauten. Besonders in flexibel gestalteten Lernlandschaften ist die Handlungskompetenz der Pädagog*innen gefragt. Wenn das Lehrpersonal die räumliche Flexibilität nicht nutzt oder die pädagogische Bedeutung der Umgebung nicht vermittelt, bleibt selbst das nachhaltigste Gebäude stumm. Die Architektur bietet lediglich das Angebot. Damit dieses zum nachhaltigen Verständnis beiträgt, bedarf es einer Vermittlungsinstanz. Das Gebäude und der Lehrplan müssen als eine Einheit fungieren, in der das Personal die Brücke zwischen der technischen Bausubstanz und dem menschlichen Bedürfnis nach Wohlbefinden und Individualität schlägt. Erst wenn die pädagogische Praxis die architektonischen Freiheiten nutzt, um auf die Heterogenität der Schüler*innen einzugehen, dient der nachhaltige Bildungsbau nicht nur als nachhaltige Hülle, sondern als nachhaltiger Begleiter im Schulalltag.
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Barrett, P. (2015). The impact of classroom design on pupils' learning: Final results of a holistic, multi-level analysis. Salford, United Kingdom: ELSEVIER.
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de Haan, G. (2008). Grundschule verändern durch Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Berlin.
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Wegerer, C. (2025). Experteninterview. (J. Huber, & T. Paffrath, Interviewer)
Abbildung 1: Whole Institution Approach zusammengefasst – eigene Grafik
Abbildung 2: Foto 1 BRG 9
Abbildung 3: Foto 2 BRG 9
Abbildung 4: Foto 3 BRG 9
Abbildung 5: Tafelbild – eigene Grafik
Abbildung 6: „Mein nachhaltiges Klassenzimmer“ - eigene Grafik
Abbildung 7: Zeichnungsmapping
Abbildung 8: Zeichnungsmapping
Abbildung 9: Zeichnungsmapping
Abbildung 10: Zeichnungsmapping
Abbildung 11: Zeichnungsmapping
Abbildung 12: Zeichnungsmapping
Abbildung 13: Zeichnungsmapping
Abbildung 14: Zeichnungsmapping
Leitfaden Expert*innen Interview
00:00:00 Timon Paffrath Ja, also die Fragen sind ja sehr spezifisch auf Schulbau, genau, weil es ja auch bei uns darum geht, aber prinzipiell, wenn du das Gefühl hast, dass du irgendwie ein anderes Projekt hast, was nicht mit Schulbau zu tun hat, aber was die Frage gut beantwortet, dann ist das auch hilfreich.
Also alles, was so diesen Grad zwischen nachhaltigem Bauen und theoretisch dann der Weiterführung auf den Schulbau so ein bisschen erläutert, das hilft uns schon.
Wie wir auf das Thema gekommen sind, wir haben am Anfang so ein paar Texte bekommen, um reinzukommen, weil das Thema recht unbehandelt ist eigentlich bisher.
Also natürlich nachhaltiges Bauen, da gibt es extrem viel zu und auch Schulbau an sich, wie man guten Schulbau macht. Aber eben diese Kombination nachhaltiger Schulbau, da gibt es noch nicht so viel Forschung zu.
Dann hatten wir am Anfang so ein paar Texte, fachliche Texte zum Reinkommen, und da hatten wir so einen Text, der hieß „Live Green Think Green“, und da ging es eben darum, dass in Australien so ein paar Bestandsschulgebäude mit ein paar modernen Schulgebäuden verglichen wurden.
Also die Bestandsschulgebäude, die waren renoviert, also die waren eigentlich auf dem neuesten Stand für so ein Bestandsschulgebäude. Und die modernen Schulgebäude, die wurden extra nachhaltig gebaut.
Und dann gab es eben so eine Auswertung, die sich darauf bezog, wie die verschiedenen Schulen das nachhaltige Bewusstsein von Schüler:innen anregen.
Und da war es dann eben so, dass die modernen Schulen so Dinge hatten wie Gärten, wo selbst angebaut werden konnte oder Solaranlagen und Wasserauffangbehälter und solche Dinge.
00:02:29 Jonas Huber Das war alles mit Zählern, wo quasi in den Pausenräumen dann aufgeführt war, wie viel Wasser gespart worden ist oder wie viel Strom verbraucht worden ist. Eben dieses selbst Obst- und Gemüseanbau-Ding war auch im Schulkurs, da hat es einen Schulkurs dazu gegeben.
00:02:48 Timon Paffrath Genau, und dann gab es eben eine Auswertung und die hat darauf abgezielt zu schauen, wie sich das nachhaltige Bewusstsein bei den Schüler:innen verändert durch das Schulgebäude selber.
Und da waren dann eben so Fragen gestellt, also das wurde auch direkt an die Schüler:innen gestellt, und die Fragen waren dann sowas wie: Würdest du nach der Schule auch noch selber dein Obst und Gemüse anbauen? Oder: Findest du es sinnvoll, Regenwasser aufzufangen?
Also sehr spezifisch auf eben genau das, was diese modernen Schulen liefern können und die Bestandsschulen nicht.
Und dann haben wir da so ein bisschen die Kritik drin gesehen, dass es halt total schwierig ist, dann als Conclusio daraus zu ziehen, dass die modernen, nachhaltigen Schulen ein besseres, nachhaltiges Bewusstsein schaffen, obwohl ja der Fragenkatalog wirklich extrem spezifisch auf diese Dinge programmiert war, die eben auch diese modernen Schulen hatten und die Bestandsschulen nicht.
Und so sind wir dann eben zu dem Thema gekommen, ob sich die Architektur selber, wenn sie nachhaltig ist, tatsächlich auf das Bewusstsein der Schüler:innen auswirken kann oder ob das eben eher nicht so ist und die Architektur vielleicht dabei helfen kann, aber das eigentlich eine Frage des Lehrplans ist.
00:04:23 Jonas Huber Genau, das ist jetzt so der Punkt, an dem wir ansetzen wollen für die Arbeit. Also wir waren ja im BRG 9 in diesem Gymnasium und hatten da eine Schulklasse, dritte Klasse, und haben hier einen Workshop gemacht und dann eine Einführung zur Nachhaltigkeit gegeben und die gefragt, was die alles schon dazu wissen.
Und dann am Schluss eben noch eine Aufgabe gegeben, dass sie ihr Klassenzimmer zeichnen sollen, wie sich die Kinder einen nachhaltigen Klassenraum vorstellen würden, um eben diese Verbindung zwischen Architektur und Nutzer:innen eben zu kriegen.
Und das ist jetzt der Punkt, wo wir dann ansetzen wollen, dass wir das eben vergleichen: Wie sehen die Kinder das? Und wie ist eigentlich der architektonische Ansatz dabei?
Weil eben diese Verbindung in diesem wissenschaftlichen Paper, das wir da analysiert haben, eigentlich den Anschein erweckt, als würde jetzt beispielsweise weil Kork an der Schule hängt oder irgendwie Dämmung nachhaltig gewählt wurde, die Kinder automatisch wissen, okay, was ist Nachhaltigkeit und wir leben jetzt nachhaltig.
Das ist aber zumindest von unserem Gefühl kritisch zu betrachten.
Das wollen wir jetzt mit dieser Forschung eigentlich beleuchten, ob das wirklich der Fall ist oder wie das in Realität ausschaut. Genau deswegen sind wir mit dieser Überfrage eigentlich jetzt hier heute.
00:06:00 Christian Wegerer Ja, sehr spannendes Thema.
Also ich habe vor einiger Zeit einen Vortrag gehalten: „Nachhaltigkeit lernen“. Da ist es auch um diese Kombination gegangen zwischen Schulbau und Nachhaltigkeit, und mein Ansatz da bei diesem Vortrag war, dass es wichtig ist, das nicht nur zu tun, sondern auch zu vermitteln.
Also dass jetzt, so wie du gesagt hast, eine Dämmung möglicherweise aus nachwachsenden Rohstoffen ist, heißt noch nicht zwingend, dass man eine Verbindung herstellen kann.
Also da muss man schauen, das vermittelt kriegen und möglicherweise auch an der eigenen Person das mitkriegen, dass das gut funktioniert oder dass ich mich da wohlfühle.
00:06:50 Timon Paffrath Ja.
00:06:52 Christian Wegerer Und man sagt, dass das Schulhaus oder der Raum der dritte Pädagoge ist. Es gibt sozusagen die Pädagogin oder den Pädagogen. Dann, zweiter Pädagoge ist die Mitschülerin oder der Mitschüler, weil man von denen ja auch lernt oder mit denen lernt.
Und der dritte Pädagoge ist sozusagen der Raum, also von dem Raum beziehungsweise von den Möglichkeiten, die man in dem Raum hat, die sind auch sozusagen wichtig, um manche Dinge auch tun zu können oder vielleicht manchmal auch nicht tun zu können oder das Setting, das jetzt die Schüler:innen brauchen, vorzufinden oder halt das Setting zu erzeugen, um gewisse Lehrinhalte dann mitzuteilen in einer modernen Pädagogik.
Also es ist aus unserer Sicht schon wichtig. Das ist natürlich ein bisschen ein Clash auch mit den Bestandsschulen,also in Wien gibt es jetzt schon viele Schulen, die nach modernem pädagogischen Konzept funktionieren sollen, das ist jetzt so der Bildungscampus.
Manche sind innovativer, manche auch weniger innovativ, das hängt auch von dem ganzen Planungssetting ab, welche Akteurinnen und Akteure es da gibt und wie konventionell das ausgelegt ist oder auch nicht. Wir haben ja den ersten davon auch im Sonnwendviertel gebaut, und das war gleich nachdem die Stadt Wien für sich selbst dieses Programm neu geschrieben hat: Wie soll Bildung in der Stadt Wien in den nächsten 30, 50 Jahren passieren? Wie wünschen wir uns das? Wie wollen wir das, dass das funktioniert?
Und da gab es eben einen Katalog, der jetzt nicht ein Raumprogramm war, sondern beschrieben, ein Qualitätenkatalog, wie das funktionieren soll. Und das war ein Wettbewerb mit über 100 Teilnehmer:innen, den wir da gewinnen konnten, und es hat sich herausgestellt, dass wir es einfach gut interpretieren konnten, was da sozusagen formuliert war, und das hat schon sehr viel damit zu tun, wie dann die Schule auch genau das ermöglicht, was man sich vorgestellt hat.
Da sind dann zum Beispiel keine rechteckigen Bildungsräume gewählt worden von uns, sondern quadratische, damit es nicht so diese Richtung gibt, wo dann klassischerweise vorne Pädagogin oder der Pädagoge stehen und quasi frontal was mitteilt, sondern eher, dass es verschiedene Richtungen gibt, verschiedene Settings gibt und das gar nicht so zentriert ist.
Also ihr sitzt jetzt auf so einem Einkind-Schultisch übrigens. Es ist auch der Tisch schon eine große Frage, weil wir gesagt haben, na ja, so diese Schulbänke, wie es zumindest meine Generation aus der Schulzeit kennt, wo immer zwei Kinder sitzen, das ist halt schon auch sehr starr eigentlich.
Also natürlich kann man es anders aufstellen, aber es ist immer so, an einer Seite sitzt man und man schaut in irgendeine Richtung und es sitzen immer zwei nebeneinander.
Und wir haben dann gesagt, na ja, wir wollen da eher flexibler sein, so wie ihr das jetzt ja gerade seht. Das kann man dann einfach zu einer Insel zusammenstellen und dann sitzt man einmal im Kreis, man sitzt so oder so.
Im Bildungscampus war das dann in der Umsetzung preislich schwierig, weil der Einzeltisch eigentlich gleich viel kostet wie der Doppeltisch. Und dann haben wir gesagt, ja dann machen wir einen Dreikindtisch, wenn der Preis da nicht so eine große Rolle spielt, und dann haben wir einen Tisch entwickelt, das sind die Tische, die im großen Besprechungsraum stehen. Das sind auch so polygonal geformte Tische, die es ermöglichen, dass drei Kinder dort sitzen mit ihrem Equipment, so wie du jetzt da zum Beispiel deinen Laptop hast oder ein Buch oder was auch immer, dass halt Platz für jedes Kind ist, da zu sitzen. Sie sitzen sozusagen nicht gerichtet.
00:11:33 Jonas Huber So wie wir?
00:11:34 Christian Wegerer Genau.
Und wenn wir jetzt so wie da, wenn wir da jetzt hinschauen müssten für eine gewisse Zeit, um eine instruktive Phase jetzt zu haben oder was gemeinsam anzuschauen, da müssen wir halt zusammenrutschen und so ist das alles viel dynamischer.
Dieser Tisch, der ist auch getestet worden in der Pädagogischen Hochschule für ein Schuljahr, und derjenige, der das dann überhatte, da zu testen, hat dann gesagt, es war total interessant, weil die Kinder gelernt haben, so Raum zu verhandeln.
Weil du hast beim Zweiertisch einfach deine Seite und ab dem Strich sozusagen hast du Platz und da habe ich Platz, mit Bankfach und keine Ahnung. Das ist an so einem Tisch nicht. Und da musst du halt dann auch miteinander verhandeln: „Mein Buch liegt jetzt da“ oder wie auch immer. Und da gibt es natürlich auch Konflikte und dass das ganz positiv war, in Wahrheit auch.
Was sich auch als herausfordernd dann herausgestellt hat: Man muss damit aber auch umgehen können. Also, es hilft jetzt nichts, wenn wir uns Dinge ausdenken und vielleicht auch vorher testen und so. Es müssen ja dann die Benutzerinnen und Benutzer dann wissen: Warum ist das so und wie funktioniert denn dieser Tisch? Wie wendet man den an? Wie bewegt man den?
Wir haben dann auch viele Workshops vor allem mit den Lehrpersonen dann gemacht, dass sie halt wissen, wie man dieses Schulhaus benutzt. Die Lehrer:innen oder das Personal ist dort auch „gecastet“ worden, so im wahrsten Sinne des Wortes, weil das was anderes war, was man bisher gekannt hat und da kannst du jetzt nicht jede x-beliebige Lehrperson dann reinstellen, weil man will ja, dass die damit umgehen und das in einer möglicherweise anderen Art wie bisher auch nutzen können.
Da geht es auch darum, das dann auch rüberzubringen und die Frage ist auch bei euch drinnen zur Partizipation. Das ist schon ein wichtiges Thema, aber jetzt auch nicht zu wichtig, weil die Personen sind halt immer eine gewisse Zeit dort. Dann kommen die nächsten Personen.
Und jetzt eine Gruppe alles entscheiden zu lassen auf ihre eigenen Bedürfnisse, ist möglicherweise auch nicht der vollends richtige Weg, also man muss dann schon schauen, aber es ist trotzdem sehr wichtig, weil das mit Identifikation einhergeht.
Wenn ich mich mit etwas identifiziere, dann passe ich darauf auf, dann schaue ich, dass es schön bleibt, dass es gut funktioniert. Und das ist ein Aspekt der Nachhaltigkeit auch: langes Funktionieren-Können.
Das ist einerseits natürlich eine Nutzungsneutralität und eine Umnutzbarkeit – Flexibilität erzeugt das. Aber auch sowas wie: Ich fühle mich da wohl, also passe ich darauf auf, wie mein Tisch ausschaut oder so, oder wie die Fenster auf- und zugehen oder die Türen. Also im Bildungscampus haben wir dazu Faltschiebetüren, die die Bildungsräume zu dem Marktplatz, zum gemeinsamen Marktplatz, einfach öffnen, um unterschiedliche Räume anbieten zu können, damit es auch ineinander funktioniert, flexibel funktioniert. Und diese Dinge muss man benutzen und die sollen ja lang funktionieren, und wenn ich mich darin wohlfühle, dann passe ich darauf auf und dann ist es auch wieder nachhaltiger, weil es einfach länger funktioniert und länger schön ist.
Wie wenn man sozusagen seine Dinge selbst auch immer repariert, das ist auch so ein Thema. Das kriegt eine Patina, das ist eh schön, aber man muss es schon pflegen auch, weil sonst kommt es irgendwann an einen Punkt, dann kann man es nicht mehr reparieren kann, dann muss man es wegschmeißen. Da wollen wir natürlich nicht. Ich würde jetzt gar nicht so weit abschweifen von euren Fragen.
00:15:51 Timon Paffrath Das ist völlig okay. Wir brauchen uns auch nicht so eins zu eins an den Fragenkatalog halten, weil eben, was du meintest, dieses Zusammenarbeiten zwischen Architektur und Pädagogik, das finden wir auch extrem spannend, weil wir schon eigentlich gerade an dem Punkt sind, wo wir das Gefühl haben, viel von diesem nachhaltigen Bewusstsein kommt über die Pädagogik, und Architektur kann aber den Raum schaffen, dabei zu helfen.
Also wenn es bereits ein nachhaltiges Schulgebäude gibt oder eben so individuelle Tische oder so in der Art, dann ist es für die Pädagogik wahrscheinlich einfacher, das auch an die Schüler:innen weiterzutragen.
Und da würde uns zum Beispiel sehr interessieren, ob deiner Meinung nach so eine Zusammenarbeit zwischen Architektur und dem Lehrpersonal sinnvoll ist, weil du meintest ja gerade zu einem gewissen Grad schon, weil die natürlich wissen, wie es vor Ort aussieht, aber zu einem gewissen Grad auch nicht, weil es natürlich auch jeder Schüler, jede Schülerin ist temporär da, und wenn jetzt jeder Tisch auf jeden individuell angepasst wäre, dann wäre das natürlich Quatsch, wenn man dann alle acht Jahre neue Tische bräuchte.
00:17:29 Christian Wegerer Also das ist definitiv eine wichtige Sache. Man muss schon eine Vorstellung davon haben, wie möchte man denn, dass es funktionieren soll. Früher haben Schulen auch anders ausgeschaut, da hatte man ganz andere Rahmenbedingungen.
Also der Schulraum bisher oder viele der Schulräume bisher kommen von der Maria Theresia noch, weil die Maria Theresia da auch viel in diese Richtung gemacht hat und Pionierin auch war, und da gab es gewisse Vorgaben auch, 9 x 7 Meter Vorgabe für eine gewisse Anzahl von Schülerinnen und Schülern – viel mehr als jetzt. Für jedes Kind einen Quadratmeter und dann noch für den Ofen einen Quadratmeter und für die Lehrperson zwei oder eineinhalb Quadratmeter. Da kommen schon so Größen her, die oft repliziert sind, die man auch heute noch findet, obwohl man gar nicht mehr die Rahmenbedingungen so hat.
Darum ist es wichtig, zuerst einmal eine Idee zu haben: Wie soll denn da die Pädagogik drinnen funktionieren? Aber es muss auch lang funktionieren können.
Wir haben auch die erste große Neubauschule in Berlin fertiggestellt, nach neuem pädagogischem Konzept, für 1500 Kinder. Und die haben sich auch so einen Katalog geschrieben und es funktioniert ganz ähnlich. Also dieses Clusterprinzip, das jetzt forciert wird, – was zum Beispiel in Skandinavien auch schon viel länger forciert wird und gelebt wird – das ist halt dazu da, um auch eine gewisse Anzahl an Personen so irgendwie in einer „Familie“ zusammenzufinden. Der Bildungscampus ist eine Riesenschule und man muss sie so auch positionieren. Dieser Cluster ist so wie eine Familie, das sind vier Bildungsräume, dann das Team noch dazu und so eine gemeinsame Mitte. Man kann das jetzt altersübergreifend betreiben, also eine Erste bis Vierte zum Beispiel da reingeben oder man kann vier Erste reingeben oder wahrscheinlich auch anders.
Angefangen beim Bildungscampus zum Beispiel haben sie, weil sie erst angefangen haben, das Schulhaus zu belegen, einmal mit vier Ersten, haben aber auch geschafft, ein Cluster altersübergreifend mehrstufig zu belegen, und sind draufgekommen, dass das echt gut funktioniert.
Weil nicht alle Kinder in demselben Alter und dieselben Probleme und dieselben Herausforderungen haben, sondern nur eine gewisse Gruppe gewisse Herausforderungen hat und die anderen haben wieder andere. Man lernt auch voneinander und das ist irgendwie auch von dem Betreuungsschlüssel ganz gut. Jetzt machen es glaube ich fast alle, Clusterbildungscampus altersübergreifend.
Das ist auch ein Lernen natürlich, und um das einmal auszuprobieren und auch vielleicht zu verändern, braucht es auch eine Flexibilität. Ich kann das jetzt nicht ganz starr denken, auch wenn ich jetzt eine moderne oder zeitgemäße Idee habe, wie das funktionieren soll, muss es trotzdem so flexibel sein, dass ich auch Dinge anpassen kann, weil sonst ist es auch nicht nachhaltig, weil es dann wieder ein Ablaufdatum hat. Weil dann irgendwann sagt man: „Ja, geht nicht, müssen wir jetzt umbauen“ oder wie auch immer.
Das ist natürlich auch eine Möglichkeit, was umbauen zu können. Es ist eh okay, eine Struktur zu errichten, die die Möglichkeiten zulässt. Forcieren wir auch immer, dass es eine gewisse Struktur gibt, die einen gewissen, immer statischen Rahmen vorgibt und dass innen möglichst viel veränderbar ist. Das muss es schon können, damit es nachhaltig ist, weil nachhaltig ist immer dann, wenn es lang genutzt ist. Das ist auch eine Definition von Nachhaltigkeit.
Denn die Bauindustrie ist sehr ressourcenintensiv. Energie sowie auch sozusagen Materialien in unterschiedlichen Prozentsätzen, aber immer hohe Prozentsätze, und da muss man ganz einfach sorgsam damit umgehen, mit der Energie, die dann dort verwendet wird, beziehungsweise aber auch mit dem, was vorher eingesetzt wird an grauer Energie, die dann halt für gewisse Jahre ich dann da abbezahlen muss. Wenn man jetzt ein CO2-Budget hernehmen würde, dann muss ich das über eine gewisse Zeit, oder zumindest auf 50 Jahre rechnen, so sind aktuell die Bilanzen ausgelegt.
Kann man auch hinterfragen, ob das sinnvoll ist, aber es ist halt ein Standard, damit man halt irgendwie eine Größe hat, an der man sich messen kann.
00:23:05 Timon Paffrath Das passt eigentlich auch ganz gut zu dem, was die Schüler:innen uns da aufgezeichnet haben. Wir hatten ja als Aufgabe „Zeichne dein nachhaltiges Klassenzimmer“ gestellt. Genau, aber so im Gesamtbild kam dann schon sehr rüber, dass denen wichtig ist, dass es eben sehr flexibel nutzbar ist. Im BRG 9 war es jetzt zum Beispiel so, dass sie auch die Pause in ihrem Klassenraum verbracht haben zum großen Teil.
00:23:52 Jonas Huber Ja, aber auch der Außenraum, also die Gänge zum Lernen verwendet werden, wenn es unter der Stunde erlaubt ist, dass sich dann eben so Hotspots bilden an großen Fenstern, wo es hohe Decken gibt, wo es kühl ist neben dem Stiegenhaus, und dann da gelernt wird.
00:24:08 Christian Wegerer Ja, das hat mehrere Faktoren, wann das funktioniert, und das hat natürlich mit der Aufsichtspflicht auch zu tun. Darum versuchen jetzt zum Beispiel Schulen, die man umbaut oder neubaut, transparenter zu sein, damit, wenn jetzt die Lehrperson in dem einen Raum steht, trotzdem dort raussieht und auch diese Aufsichtspflicht wahrnehmen kann, weil das ist ja trotzdem Teil der Aufgabe des Pädagogen oder der Pädagogin.
00:24:38 Jonas Huber Also mit transparenter ist gemeint: mehr Glas?
00:24:41 Christian Wegerer Ja, genau, also das merkt man in so älteren Gangschulen schon, und darum passiert auch die Pause dann im Raum, weil die Person ja auf die Kinder schauen muss. Und wenn du jetzt sagst: „Schwärmt aus im Haus, sucht euch die beste Ecke für eure Pause“, dann ist es schwierig, die Betreuung wahrzunehmen. Wenn das Team gut funktioniert in deiner Schule, dann funktioniert das auch besser, weil wir einfach da zusammenarbeiten und natürlich können die Kinder am Gang raus und da Orte aussuchen, die vielleicht auch gut für eine Pause oder auch zum Lernen gut sind, weil es dort hell ist zum Beispiel, weil irgendwo ein Fenster ist oder es ist wo kühler, es ist wo wärmer, es ist wo gemütlicher. Dann ist es ja auch optimal, wenn die Kinder sich das selber aussuchen können: Wo fühle ich mich denn wohl? Weil wenn man sich wohlfühlt, dann funktioniert meistens das rundherum gut, was auch immer man tun muss.
Darum hat das mit der Transparenz auch viel zu tun, dass das Schulhaus das ermöglicht. Dann ist es viel individueller. Die Kinder sind einfach individuell. Es ist einfach nicht mehr so, dass man alle über einen Kamm schert, zum Glück. Zu einem Teil ist es nicht mehr so.
Dass man versucht ihre Stärken zu stärken und sie da abzuholen, wo sie sind. Und das bedarf dann halt ein bisschen mehr Förderung, und da ist vielleicht die Pädagog:in präsenter und bei manchen weniger. Manche machen es in der Gruppe, manche einzeln, manche stehen, manche laufen, manche rumliegen. Und das ist ganz wichtig eigentlich, dass man das mitdenkt.
Und da hat Möblierung auch viel Einfluss. Also wir haben in der Längenfeldgasse in der Schule die Möblierung so gestaltet, auch in Berlin, dass die Kinder selbst die Möglichkeit haben, zu den Lernmaterialien hinzugehen, also dass das nicht in einem Kammerl versperrt ist und nur in der Naturwissenschaftsstunde gibt es jetzt das Mikroskop und das und das. Sondern das Interesse weckend, den Kindern das vor Augen habend, das Buch zu dem oder das Skelett oder was auch immer, dass ich da auch hingehen kann und mir das anschauen kann und eine Frage finden kann: Warum ist denn das so? Weil dann geht das Lernen mit Begeisterung einher oder mit Interesse einher, und dann ist es viel einfacher, individueller, zielgerichteter, nachhaltiger auch für sie selbst.
Sie lernen sozusagen sich selbst zu ermächtigen, was auch tun zu können, nicht darauf zu warten, dass jetzt jemand kommt und ihnen da was hinstellt und sagt: „So geht das und schaut euch das jetzt genauso an“. Das ist schon eine große Verantwortung auch gesamtgesellschaftlich, weil wenn genau in diesem Sektor – in diesem Sektor des Lernens und der Persönlichkeitsbildung – da ein aktivierendes Umfeld da ist, dann wird da die Gesellschaft viel mehr sich selbst ermächtigend sein, weil man gelernt hat, dass das gut funktioniert für einen. Und das spielt auch einen Faktor für uns, dass man das ermöglicht.
00:28:27 Jonas Huber Also gibt es quasi dann für die Wettbewerbe einen Katalog von dem Lehrpersonal oder von der Wettbewerbsausschreibung, die dann genau die Anforderungen, die sie sich vorstellen, ausschreiben? Oder wie genau funktioniert das dann? Wie plant man dann diese Schule nach den Anforderungen? Weil es gibt ja diese Verbindung mit der MA56, die hier ganz viel vorgeben auch für den Schulbau. Wie genau läuft das dann ab? Wie kann man sich das vorstellen?
00:29:03 Christian Wegerer Also das eine Beispiel, das ich euch jetzt erzählt habe mit dem Bildungscampus, war schon ein Pionierbeispiel, weil da hat man sich sozusagen neu formuliert und vor allem nicht auf einen Raum bezogen: Wie groß ist der und der Raum und diese Anzahl und so weiter? Sondern halt eher formuliert: ein Qualitätenkatalog, wie man glaubt, dass es funktionieren soll.
Und wir als ArchitektInnen haben dann eine räumliche Antwort darauf finden sollen. Das war die Ausschreibung in dem Fall. Die meisten Wettbewerbsausschreibungen kommen mit einem Raumprogramm daher und auch mit so einer qualitativen Beschreibung, was man sich dort wünscht. Das ist immer individuell, weil natürlich der Standort individuell ist, das Team individuell ist, der Bestand individuell ist, die Herausforderungen und auch das Programm: Wie viele Bildungsräume brauchen wir jetzt, was brauchen wir und so.
Also es setzt sich immer so ein bisschen zusammen aus einem qualitativen Teil und einem Raumprogramm, wo man sich schon im besten Fall in einer Phase davor – das nennt man Phase Null – zusammengesetzt hat, möglicherweise auch moderiert zusammengesetzt hat, um das herauszufinden.
Weil es kann nicht jeder Wettbewerb so diese Phase Null mitmachen, das sprengt einfach den Rahmen. Und das Wettbewerbswesen ist sowieso speziell, bei dem einen Wettbewerb haben 100 Büros mitgemacht oder bei den anderen machen 50 mit, wie auch immer, da fließt extrem viel Arbeit rein, die auch zu einem hohen Prozentsatz unbezahlt ist. Aber gleichzeitig ist es halt das System der Qualitätssicherung, dass ich halt wirklich das Beste da errichte.
Um das auch nicht ausufern zu lassen, gibt es schon relativ dezidierte Vorgaben und die interpretiert man dann. Also da stehen zum Beispiel die Räume aufgelistet und es stehen die Quadratmeter dabei.
Ob der Raum jetzt so groß, also in der Abmessung so oder so hochgruppiert ist, das ist dann unsere Aufgabe, das herauszufinden: Wie man vielleicht auch mit einem Bestandshaus umgeht, wie man denn das Programm, das da gewünscht ist, da reinbringt etc.– ob das überhaupt geht.
In vielen Fällen wurde das schon ein bisschen untersucht im Vorfeld. Wir hatten einen Schulwettbewerb, wo ein gewisser Prozentsatz an Bestand vorher ausgelotet wurde: Kann man erhalten. Wir haben es geschafft, aber alles zu erhalten, um das Programm so weit umzuformen, dass man das halt irgendwie schafft. Das war irrsinnig viel Aufwand für uns, aber ist im Endeffekt gelungen. Und das ist dann natürlich ein Erfolg, wenn man einen Bestand, der da ist, natürlich zu adaptieren ist. So wie hier unsere alten Fenster, die muss man natürlich dann vielleicht auch mal austauschen oder gewisse Oberflächen renovieren oder auch austauschen, was auch ganz normal ist. Also wenn man was lang hat, dann muss man halt gewisse Teile servicieren oder auch einmal austauschen. Aber im Grunde eine Struktur zu erhalten ist natürlich viel nachhaltiger, wie die Struktur abzureißen und neu zu bauen. Das heißt, das ist dann unsere Aufgabe, das Programm, das dann da ausgeschrieben ist, da reinzubringen und möglichst gut funktionierend für den Betrieb, möglichst flexibel, möglichst ressourcenschonend im Betrieb wie auch am Anfang da reinzubringen.
00:33:30 Timon Paffrath Das heißt, wenn es jetzt um Nachhaltigkeit geht, würdet ihr bei Schulgebäuden ganz klar über die Langlebigkeit darangehen? Im Sinne von flexibler Nutzung und vor allem auch über das Mobiliar. Quasi, dass es den statischen Rahmen gibt und dann durch das Mobiliar und durch die Langlebigkeit und flexible Nutzung, dass es dann wirklich nachhaltig wird, weil man es lange benutzen kann und auf verschiedene Arten, verschiedene Generationen von Schüler:innen.
00:34:04 Christian Wegerer Das ist ein Faktor, aber so im Grundsätzlichen würde ich sagen: Man braucht Räume, in denen sich die Menschen wohlfühlen, und das ist was mit viel Licht und Luft. Ich weiß nicht, ob ihr schon mal in einer Schule wart, wo dann auch so eine CO2-Ampel hängt in einem Bildungsraum, wo man merkt: „Okay, jetzt wird die Luft schlecht, jetzt muss ich mal lüften“. Weil erwiesen ist bzw. es einige Studien dazu gibt, dass, wenn wir optimal gelüftete Klassenzimmer hätten, wir alle ein Jahr kürzer in die Schule gehen müssen würden, weil das Aufmerksamkeitsdefizit nach einer Zeit ja sinkt.
Das kennen wir alle aus verschiedenen Settings. Das ist natürlich in so einem kleinen Raum, wie wir ihn hier haben, wenn wir jetzt lange sitzen, genau gleich. Wir müssen einfach lüften, weil wir halt einfach ausatmen und dadurch der Sauerstoff verbraucht wird.
Das heißt Luft, Licht... ich gebe euch nachher ein Heft mit. Wir haben in Berlin eine Ausstellung gemacht zum Schulbau, wie der Schulbau funktioniert. Und es ist nicht nur ein Faktor, sondern es sind über 20 Faktoren, worauf zu schauen ist, damit es insgesamt gut funktioniert.
Die Schule ist ein bisschen spezieller, was Wärme betrifft, weil die Personen, die da drinnen arbeiten und herumhüpfen erzeugen auch viel Wärme. Insofern ist das Thema Kompaktheit, um im Betrieb effizient und wenig energiebrauchend zu sein, in der Schule gar nicht so das Thema. Wohingegen Schule ein Thema mit Licht hat, weil es viele Räume gibt, die pädagogisch nutzbar sein sollen, die Licht brauchen. Wenn ich mir jetzt ein Cluster vorstelle, wo rundherum Bildungsräume angeordnet sind, aber die Mitte ist auch pädagogisch aktiviert, weil es dort die gemeinsame Mitte gibt mit vielen anderen Ecken, dann soll die natürlich auch hell sein.
Das heißt, in Wahrheit produziert man dann einen eher oberflächenintensiveren Schwamm, so im Grunde gesehen oder in der baulichen Struktur gesehen, damit überall Licht und ein Fenster zum Aufmachen hinkommt.
Das ist aber gar nicht so das Problem, weil die Schule eher ein Überhitzungsthema hat als ein Kälteproblem, weil so viele Personen da drinnen sind, die Wärme erzeugen.
Genau, also Haustechnik ist auch ein Thema, das zu adressieren gilt. Und meine Meinung ist, dass man es auch nicht zu übertechnisieren darf. Wir sind Fans davon, dass man anhand einer CO2-Ampel selber mitkriegt: „Ah ok, jetzt wird es schlecht, jetzt muss ich was machen“. Und nicht sozusagen Passagier ist von einer Maschine, die mir möglichst - wenn es optimal eingestellt ist - die besten Rahmenbedingungen vorgibt, sondern dass ich auch selber weiß, was ich zu tun habe. Also wenn die Luft schlecht ist, dass ich halt einfach lüften muss, dass ich Lüftungsflügel habe, die ich aufmachen kann. Das muss man ein bisschen automatisieren, man kann nicht nur damit arbeiten. Also wir haben da auch Konzepte mit Fensterspaltlüftung, wo halt auch ein Fenster dann auch mal automatisch aufgeht.
Aber trotzdem das sichtbar und fühlbar machen und auch erkennen können, warum man sich wohlfühlt. Also hängt es daran, dass es gemütlich ist, dass es hell ist, dass es dunkel ist, dass es eine gute Luft gibt, dass ich Lernsettings vorfindet, die mir halt einfach zusagen? Und das ist so ein Grundfaktor, würde ich sagen: Räume, in denen man sich einfach gerne aufhält, das ist so ein Grundfaktor, um so gesunde Räume zu erzeugen. Und das hängt auch an den Materialien. Und wenn ich einen Außenwandaufbau habe, der dampfdiffusionsoffen ist, dass die Feuchtigkeit nicht eingesperrt ist oder dass Oberflächen wie ein Lehmputz oder so mit Feuchtigkeit einfach gut umgehen kann, das abgibt und wieder aufnimmt, dann fühle ich mich in solchen Räumen einfach wohl.
Da kommen wir zum Thema Materialität. Ich finde das schon sehr wichtig. Für mich ist Nachhaltigkeit in der Materialität, dass man das Material so einsetzt, was es auch kann. Zum Beispiel bringt es nichts, ganze Wohnhäuser durchzubetonieren, weil es nicht notwendig ist. Ich brauche keine betonierten Innenwände, weil die Innenwand das nicht können muss, was der Beton dort kann. Und auch die Außenwand muss es nicht können.
Aber – und das habt ihr auch in euren Fragen – es ist halt die Konvention. Also in Ostösterreich viel mehr als jetzt in Westösterreich, aber man hat sich jetzt für mindestens eine Generation oder länger auf das fokussiert und jetzt geht plötzlich nichts mehr anderes. Und alles andere ist viel teurer und das ist ein Problem.
Dann auch in der Zusammenarbeit: Wenn man was Nachhaltiges erzeugen will, heißt es immer: „Ja, Kosten, Kosten“. Und das muss aber nicht zwingend jetzt von sich aus teurer sein. Oftmals kriegt man es dann teurer angeboten, weil die Firmen das einfach nicht können und nicht machen. Und das ist schon schwierig, also wir haben zum Beispiel die Schule in Berlin, die war komplett in Holz geplant, komplett fertig in Holz geplant. Und dann haben wir einfach insgesamt überhaupt nur drei Angebote gekriegt für die ganze Schule, aber im großen Umkreis. Und die, die es in Holz angeboten haben, waren halt einfach teurer als die anderen. Da entscheiden dann solche Faktoren, dass dann nur noch die Fassade jetzt in Holz geblieben ist, weil das Grundgerüst wieder betoniert wurde. Wobei man eigentlich sagt: „Ja, hätten wir jetzt nicht unbedingt gebraucht“, und es steckt natürlich viel mehr CO2 jetzt drinnen, weil in der Primärstruktur steckt 80 % von dem CO2 drinnen, da ist die Fassade jetzt nicht so relevant.
Das ist übrigens auch was, womit wir jetzt umgehen müssen, damit wir nachhaltig auch planen können, damit wir auch wissen: Wie und was und wo steckt was drin? Da sind so Themen wie Ökobilanzierung schon auch wichtig, damit müssen wir uns beschäftigen und auch wissen, wo die Hebel liegen. Man muss nicht jedes kleine Ding auch selber rechnen können, aber man muss Grundverständnis dafür haben, was steckt wo drinnen um dann entscheiden zu können: Wofür verwenden wir welches Material?
Es bringt jetzt nichts, im Erdreich den Keller nicht aus Beton zu machen. Es ist einfach gescheit, das zu machen, weil da hat man mit wenig Schichten relativ viel erledigt. Wohingegen alles, was dann aufgebaut ist, kann auch vieles andere sein, und da müssen wir uns halt einfach auch Gedanken machen: Was ist regional? Was ist da? Was könnte man vielleicht auch wiederverwenden, wiedereinsetzen? Welche Materialien verwenden wir vielleicht für den Wandaufbau, die dann möglicherweise gesünder sind und besser mit Feuchtigkeit, mit Wärme, mit was auch immer umgehen können. Materialität ist auch ein großer Faktor, finde ich, um was zu bewegen in Richtung CO2. CO2 ist ja nur ein Faktor der Ökobilanzierung, es gibt ja viele Faktoren. Jetzt ist es halt gerade CO2-Äquivalente. Das ist jetzt das aktuelle Problem, mit dem wir zu tun haben, aber es gibt auch viele anderen Faktoren, die möglicherweise danach dann zu adressieren sind, wie Versauerung.
Aber wenn man so eine EPD anschaut –so eine Environmental Product Declaration - wo für ein Produkt, sei es jetzt ein Quadratmeter CLT-Decke, genau drinnen steht, wie viel Energie da reinfließt, wie viele Ressourcen, was die Produktion ausmacht, wie das den Landverbrauch beeinflusst. Da gibt es einfach viele Faktoren. Das wird in so einer EPD ausgewiesen, und mit diesen EPDs arbeiten auch die Datenbanken. Die Ökobilanzierung sind so zu rechnen, weil da von den Produkten die spezifischen Daten drinnen sind von einem Quadratmeter Fußboden oder einem Meter Beton oder was auch immer.
00:44:57 Timon Paffrath
Also das Material bietet ja einen superguten qualitativen Raum. Was du ja eben meintest, dass wenn eben gut Feuchtigkeit abgetragen wird, dann fühlt man sich ja automatisch wohler. Jetzt gibt es aber auch zum Beispiel viele Stimmen, die sagen: „Ja, wenn unser Gebäude aus Holz gebaut ist, dann entwickeln die Schüler:innen ein besseres Bewusstsein dafür, weil sie [quasi] dieses Material wirklich sehen und auch anfassen können.“ Hast du da eine Meinung dazu? Ob das tatsächlich eine positive Auswirkung hat auf die Schüler:innen, dass sie jetzt das Material so vor Augen haben, oder ob es eher wirklich nur der Raum ist, der das tut, was er tun soll und dadurch einfach viel mehr Qualität hat?
00:46:04 Christian Wegerer Ja, das ist schon beides. Also wie ich eingangs gesagt habe, mein Vortrag zum Thema „Nachhaltigkeit lernen“ zielt auch auf sowas ab. Die Herausforderungen, die wir momentan haben, die soll man auch sichtbar adressieren, finde ich. Weil man kommt ja aus dem eigenen Elternhaus und aus der eigenen Umgebung sozusagen mit Vorstellungen. Und die ändern sich ja gerade. Und was passiert denn jetzt mit meinem ästhetischen Empfinden, wenn ich in einen Bestand einziehe und ich lass die alten Fenster? Was macht das mit meinem eigenen Empfinden, wenn ich einen gewissen benutzten Grad da vorfinde oder möglicherweise Dinge, die schon woanders eingesetzt worden sind, wieder da eingesetzt sind? Das ist wie gesagt alles subjektiv, aber man versucht dann sozusagen das auch wieder untereinander abzustimmen, aber natürlich ist das eine andere Mischung, wie wenn ich jetzt alles neu definieren kann und da einen großen Kasten habe, wo ich alles miteinander abstimmen kann. Da finde ich halt dann gewisse Dinge vor, die halt dann so lang oder so kurz et cetera sind. Und das ist auch eine andere Ästhetik. Reuse oder Wiederverwendung hat eine andere Ästhetik als Neu.Ich finde, man soll das auch zeigen, weil man das auch erst lernen muss.
Weil wenn man es nicht lernt, dann wird man wahrscheinlich aus der eigenen Konvention heraus sagen: Das gefällt mir nicht“. Und auf das wollen wir nicht hinaus, sondern man muss das auch lernen, ein Material herzuzeigen und das zu zeigen wie das gefügt ist, wie das funktioniert. So wie hier die Kabeltassen offen zu haben, zu sehen, was da in so einem Haus passiert, finde ich schon gut.
Den Personen vorzuführen: Was macht denn das auch mit mir, dass ich eine sichtbare Holzoberfläche habe? Natürlich ist das schön. Da fühlt man sich wohl und vielleicht kann man das einfach auch angreifen, das ist warm und das ist von der Farbe angenehm, dann funktioniert das auf mehreren Ebenen.
Und so immer alles zu verstecken hinter weißen Wänden trägt jetzt nicht unbedingt dazu bei, dass man ermächtigt wird, weil man halt das auch nicht so mitkriegt und nicht jede Person interessiert sich dafür, was da für Schichten an der Wand sind oder was das überhaupt ist.
Wenn man aber an den Stellen, zum Beispiel in einer Schule, checkt: „Ah ok, damit kann ich jetzt arbeiten, weil ich jetzt da die Wand beschreiben kann“, und dadurch wieder ein anderes Setting schaffe, dann ist das so irgendwie was Aktives, da kriege ich das mit. Das finde ich schon wichtig, das nicht nur technisch gut oder behübschend einzusetzen, sondern ein Material auch fast pädagogisch einzusetzen und davon auch was zu lernen und zu sehen: „Okay, ich kann eine Schule aus Holz bauen, ich muss nicht alles betonieren, sondern ich kann das auch anders machen, oder ich kann einen Lehmboden haben oder eine Lehmwand haben oder so“.
Das sind schon wichtige Faktoren, wie man dann auch Nachhaltigkeit lernt oder die Ästhetik dann zurückkommt. Wir hatten ja nicht immer die Situation, dass wir so Überfluss haben und wir quasi jedes Material einsetzen können. Das ist ja in vielen Teilen der Welt gar nicht so, da kannst du nur das nutzen, wie es da ist und fertig. Und das ist ja auch viel nachhaltiger als der andere Zugang.
Da müssen wir schon mal irgendwie wieder hin, dass man da das Gespür dafür kriegt und auch die Technologie und auch das Handwerk dazu, dass wir das so einsetzen können, was wir halt dann da haben.
00:51:15 Jonas Huber Ja also ich glaube, es ist auch prinzipiell ganz wichtig in dem Kontext der Materialität, dass es eben extrem nutzerspezifisch ist. Weil die Frage sich eben bei uns jetzt stellt, inwiefern zum Beispiel Kleinkinder das dann verstehen, dass zum Beispiel wie hier alte Fenster drin sind? Ob das darüber hinausgeht. Wie: „Okay, ich sehe, das sind alte Fenster“, oder sie verstehen dann wirklich, um was es geht. Da ist diese Verbindung, dieses Hand-in-Hand-Gehen, wo wir ansetzen wollen mit Pädagogik, mit dem Lehrpersonal und der Architektur, dass das auch richtig vermittelt werden muss. Weil wir das auch bei dieser Auswertung gesehen haben: Es ist nicht drum gegangen, die Kinder verstehen jetzt, es sind viele Fenster und der Boden ist nachhaltig, sondern es ist schön, hier drin zu sitzen und zu lernen. Zum Beispiel in der Klasse in der wir waren, die hat ein im Boden eingelassenes Schachbrett, wo Holzfiguren draufgestanden sind. Und bei einigen Kindern ist dieses Schachbrett auch im Klassenzimmerbild dann wieder gelandet, weil das was war, was eben gut für die funktioniert hat und einen guten Raum ausgemacht hat. Deswegen war das für die auch automatisch nachhaltig.
Das sind dann so Sachen wie, dass man einen CO2-Zähler im Klassenzimmer hat, wo man das auch wirklich miterfährt und auch irgendwie mitlernt und nicht selber dieses Verständnis erst mal ausbilden muss dafür. Wahrscheinlich wichtig, weil eben genau das dieser Anhaltspunkt ist, worüber wir kritisch denken, ob ein Kind überhaupt von alleine auf dieses Verständnis kommt, warum das im Raum so ist, wie es ist.
Da ist eben dieses Hand-in-Hand-Gehen wahrscheinlich mit dem Lehrpersonal einfach wichtig, sonst könnte es der Fall sein, dass eine Klasse in einem alten Bestandsgebäude ist, wo die Patina zu sehen ist und das ist schön architektonisch aufbereitet, und dann denken die Kinder, dass sie ein altes Klassenzimmer hätten und ihnen das nicht gefällt, weil sie es nicht von sich aus verstehen, warum das überhaupt so ist.
00:53:41 Christian Wegerer Ja, einerseits ja, andererseits kommt da schon auch viel intuitiv von den Kindern, dass sie sich da aufhalten, wo sie sich auch wohlfühlen. Wenn der Boden kalt ist, dann setze ich mich nicht hin. Oder wenn es zugig ist, werde ich einen gewissen Abstand wahren. Oder das, was du jetzt gesagt hast mit der Patina, da ist gar nicht so das ästhetische Verständnis da, sondern da geht es wirklich um andere Dinge wie: „Ich kann auf die Wand was aufhängen“ oder „Wir können da was machen“ oder „Wir können das wieder übermalen“ oder wie auch immer.
Da geht es jetzt schon ein bisschen um andere Erfahrungen auch, und da würde ich mich davor gar nicht so fürchten, einen Bestand in einer gewissen Alterung auch wieder einzusetzen, weil es nicht so die entscheidendsten Faktoren sind für „ob ich mich da jetzt wohlfühle oder nicht“. Da gibt es einfach viele Sachen, die so basic sind, wie ein Licht oder wie die Luft oder wie warme oder kalte Oberfläche oder die gemütliche Ecke oder das Schachbrett oder was auch immer. Also dann was anderes erzeugen als Ästhetik, nämlich ein Wohlfühlen.
Und es ist generell in der Architektur so: Es sind fast immer Räume für Menschen und das ist egal, ob es eine Schule ist oder ein Büro oder Wohnung oder wie auch immer. Das sind so die Basics. Und wenn die Basics gut sind – und auf die muss man schauen: Wie komme ich in einen Raum rein? Da gibt es einfach wirklich so Sachen, wenn die passen, dann ist schon viel gewonnen. Das kann man, wo was vielleicht nicht so gut mehr funktioniert, auch anders machen und man kann Durchbrüche machen, man kann auch Räume verändern und so. Es geht schon, man muss nicht immer das nur neu bauen. Heißt ja nicht, dass es, wenn es neu gebaut ist, besser ist. Qualitativ, aber auch räumlich. Das hängt schon an den handelnden Personen dann, das da reinzubringen.
Und Nachhaltigkeit – ja, ist in aller Munde, es ist auch nach wie vor viel Greenwashing dabei. Aber natürlich ist es gut, dass es thematisiert wird, weil es auch sensibilisiert, und die jungen Leute das natürlich auch mitbekommen, was das mit unserer Welt macht, wenn man das ignoriert. Da sind dann manche Dinge auch nachrangig. Ist das jetzt die Kleidung schon getragen oder nicht? Ist die Wand schön weiß oder nicht? Also das sind dann Faktoren, die gar nicht so relevant sind, sondern: Wenn ich das Haus neu baue, dann habe ich so und so viel mehr CO2 erzeugt, die bei der Erwärmung, die momentan das Thema ist, einfach nicht hilfreich ist.
Da muss man dann auch so weit gehen – so wie du gefragt hast mit der Ausschreibung –und sagen: „Ja eh, aber es passt jetzt nur zu 80 % da rein“. Und da muss man vielleicht einmal sagen: „Ja, passt halt nicht“ oder „Passt nur zu 80 %. Könnt ihr euch vorstellen, dass wir Synergien erzeugen und Räume doppelt-dreifach belegen, damit wir das zusammenbringen?“. „Nutzung anpassen? Oder ist es möglich im Umkreis was anderes mitzunutzen, um diese Funktion zu erhalten?“ Also da finde ich, sind wir auch gefordert, das auch zu hinterfragen, was wir da an Input bekommen, auch auf dieser Ebene abzuklopfen, wie sinnvoll das ist, und vielleicht kommt man am Ende des Tages drauf: Man macht gar nichts. Ist am nachhaltigsten. Wird es oft nicht sein, weil gewisse Dinge nach einer gewissen Zeit natürlich auch eine Alterung erfahren haben und auch gepflegt werden müssen oder ausgetauscht oder repariert oder wie auch immer. Aber das sind alles im Vergleich zu einem abgerissenen, neu gebauten Haus Peanuts, was das CO2-Budget betrifft.
Insofern müssen wir uns über solche Sachen Gedanken machen. Und so Dinge wie jetzt passieren oben an der Mariahilfer Straße der alte Leiner, der abgerissen wird und jetzt das Lamarr schon in der Primärstruktur war, wo 80 % alles CO2 drin ist, und jetzt reißt man es wieder ab. Das ist natürlich katastrophal und es ist überhaupt das schlimmste aller Lehrstücke. Das passiert halt, weil es nicht die richtigen Raumhöhen hat und weil immer noch vordergründige Wirtschaftlichkeit zählt. Aber zum Beispiel nachhaltige Materialien einzusetzen, die wieder nachwachsen, die lange halten, die man reparieren kann, die sind ja über die Lebensdauer gerechnet auch viel nachhaltiger, auch wenn sie am Anfang vielleicht mehr kosten. Viel ökonomischer wie etwas, was nicht gut trennbar ist, nicht wiederverwendbar ist, da denkt man noch viel zu kurzsichtig.
Und in dieser Branche rudert man ja wieder zurück, der Green Deal ist der „Green Industrial Deal“ geworden, weil man die Produktion in Europa und die Industrie ja da nicht verlieren will. Weil man Angst hat, dass man verliert gegenüber China und anderen Playern, die das möglicherweise noch nicht so ernst nehmen. Und jetzt dann einfach wieder sagt: „Okay, wir müssen halt zuerst wirtschaftlich wieder sein, um dann nachhaltig sein zu können, nachher, wenn wir es uns wieder leisten können“. Das ist völliger Quatsch. Genau umgekehrt. Man muss jetzt die Chance ergreifen, auch Dinge anders zu machen, einfacher zu machen, einfacher zu bauen. Ich weiß nicht, ob ihr davon gehört haben, dass über einfaches Bauen geredet wird, also Bauklasse E – wie einfach –, damit man viele Normen, die halt auch das Bauen verteuern und verkomplizieren, auch einmal sagen kann: „Okay, ich brauche es aber jetzt in dem Fall nicht, bitte lassen wir es weg“. Das wieder zu ermöglichen.
Dann kann es auch wieder nachhaltiger sein, wenn man einfach Schichten in der Außenwand gespart hat, die man jetzt für die Nutzung nicht braucht. Weil man diesen riesen Schallschutz vielleicht gar nicht braucht.
Wenn man Materialien einsetzen kann, die möglicherweise noch nicht so etabliert sind, bzw. der Einsatz. Ich habe gerade einen Fassadenvergleich gemacht für nur eine Fassadensanierung. Altes Haus, bisschen gedämmt, Kunststofffenster drinnen. Was machen wir jetzt damit, damit es möglichst nachhaltig wird? Was tun wir da drauf? Wir können es mit Schafwolle machen, ist insgesamt viel gescheiter. Aber es gibt noch nicht das System dazu. Und dann jetzt eine Systemprüfung dafür zu machen, damit ja alles erfüllt ist, ist natürlich dann auch nicht sehr effizient, weil es ewig dauert und Geld kostet. Wir haben das zwar mit einem Gebäude in Berlin gemacht, mit einer sichtbaren Korkdämmung, das ist einfach mit Sichtkork gedämmt, das war sehr schwierig, aber haben wir geschafft in dem Fall. Aber es ist nicht immer die Zeit, das Geld und die Geduld auch von den handelnden Personen da, damit man das machen kann. Das soll so wieder zurück zu einer Einfachheit, das auch wieder ein bisschen unkomplizierter machen.
01:02:42 Timon Paffrath Ja, wahrscheinlich auch gerade in Berlin auch noch mal ein bisschen mehr Bürokratie problematisch als hier.
01:02:57 Christian Wegerer Es sind überall gewisse Herausforderungen die da. Da habt ihr eine Frage drinnen: Die Auftraggeber müssen mitspielen, sonst schafft man auch viel nicht.
01:03:09 Timon Paffrath Dann bei der aus Holz gebauten Schule, das ist dann ja wahrscheinlich auch eine reine Kostenfrage der Auftraggeber, Auftraggeberinnen.
01:03:17 Christian Wegerer Ja, also ich habe vor Kurzem in Wien im Village im Dritten ein Gebäude besichtigt, wo halt einfach die Auftraggeberschaft das Risiko angenommen hat und gesagt hat: „Ja okay, es ist nicht alles getestet oder noch nicht und es ist ein bisschen teurer jetzt in der Anschaffung, aber wir wollen das Haus ja lange nutzen.“
Und wenn ich ein schönes, gutes, nachhaltiges Material verwende, dann ist wieder die Identifikation groß, dann schauen die Leute lang drauf und dann geht's auch lang gut, ja. Wenn ich das Billigste einsetze, das merkt man ja, dann schaut es ja binnen kürzester Zeit schon viel abgenutzter aus.
Und die haben deshalb dann dort das Risiko genommen, die Auftraggeberschaft gemeinsam mit den Planern, und das zahlt sich aus. Du hast dann ein super Haus da, wo dann plötzlich alle einziehen wollen und das überall publiziert wird und das halt einfach ein Vorzeigeding ist. Dafür war der Mehraufwand der Kosten jetzt verschwindend für das, was da an Output da rauskommt. Darum ist die Auftraggeberschaft echt wichtig, da auch dieses Risiko teilweise auch einmal zu nehmen und zu sagen: „Ja“.
01:04:47 Timon Paffrath Und dieses Vertrauen auch wieder so ein bisschen in die Architektur zu setzen.
01:04:52 Christian Wegerer Ja. Auf jeden Fall soll man sich mit dem Thema beschäftigen, weil es auch so ist und es ist Zeit auch, das zu tun und das nicht zu ignorieren. Es geht ja eh um gute Räume für alle, man muss das ja auch global sehen. Also wir können ja nicht, nur weil wir Industrieland sind, alles verwenden. Das geht einfach nicht. Wir können nicht das CO2 -Budget von so großen Teilen der Erde da verwenden und uns aufregen, dass vielleicht andere das auch machen wollen. Da müssen wir schon vor der eigenen Haustür kehren und die Verantwortung einfach wahrnehmen, dass wir da Verantwortung haben als Personen, die an einer Stelle sitzen, die was bewegen können.
01:06:31 Timon Paffrath Weil es eben so einen großen Teil ausmacht, die Baubranche.
01:06:37 Christian Wegerer Genau. Und da auch auf Wiederverwendung halt einfach losgehen. Sagen: Nein, machen nicht jetzt alles wieder am Stadtrand neu, sondern versuchen dort das, was da ist, zu nutzen. Dass nicht dann der Rest, der ja eigentlich Nahrungsmittelproduktion ist, versiegelt wird, nur weil jetzt gerade da 5 Quadratmeter mehr gebraucht werden oder ein Parkplatz zu wenig ist. Also das sind dann so pragmatische Themen, warum das dann so passiert, wie es passiert. Da ist auch die Raumordnung ein großes Thema, die das ja auch dann ermöglicht.
01:07:21 Jonas Huber Ja, natürlich.
01:07:25 Christian Wegerer Also da gibt es viele, viele Hebel, die da ineinandergreifen müssen, dass das insgesamt nachhaltiger auch wird. Da gibt es noch viel Arbeit, aber man muss es trotzdem Schritt für Schritt machen. Darauf zu warten, dass jetzt dann alles geregelt und in die Bahnen gelenkt ist, funktioniert einfach nicht. Man muss einfach anfangen und dazulernen.
00:00:01 Jonas Huber Genau, vielleicht kurz zum Einstieg. Wir machen hier die
Seminararbeit bei der Frau Carla Schwaderer. Und wie wir auf das Thema gekommen sind: Wir haben eigentlich am Anfang vom Semester Texte bekommen, wissenschaftliche Paper, jede Gruppe ein Paper und das sollten wir analysieren. Und wir hatten dann einen Text von Tucker, der hieß „Live Green Think Green“. Und das war eine Auswertung in Australien über konventionelle und nachhaltige Schulen. Die nachhaltigen Schulen waren modern gebaute, nachhaltige Schulen mit so Sachen wie zum Beispiel extra Wasserauffangbehälter, wo in Pausenhöfen Wasserzähler vorhanden waren, wo die Kinder in den Pausen immer gesehen haben, wie viel Wasser gespart worden ist oder auch Stromzähler und ganz speziell im Curriculum verankert Anbaustellen, Gärten, wo die selbst Obst und Gemüse anbauen konnten, und das wurde als Nachmittagskurs angeboten.
Und dann gab es eben die konventionellen Schulen, die sanierte Bestandsgebäude einfach waren und die hatten eben keine direkten, nachhaltigen Extras. Und dieser Text hat eigentlich darauf abgezielt zu schauen, inwiefern die Architektur an sich das nachhaltige Bewusstsein von SchülerInnen beeinflusst. Zu dieser Auswertung ist ein Fragebogen verwendet worden, wo zum Beispiel so Sachen drin gestanden sind wie: Würdest du nach der Schule Strom sparen? Licht abschalten? Würdest du besonders auf deinen Wasserverbrauch schauen? Würdest du nach der Schule selbst dein Obst anbauen, um Transportwege zu sparen? Und natürlich war dieser Fragebogen sehr explizit darauf abgezielt, auf die nachhaltigen Schulen. Und logischerweise haben die dann sehr gut dabei abgeschnitten, weil die Kinder da die ganzen Berührungspunkte damit hatten und bei den konventionellen Schulen nicht.
Und daraus ist der Rückschluss gezogen worden, dass die nachhaltige Architektur – weil in den nachhaltigen Schulen haben die Kinder ein besseres Bewusstsein durch die Architektur – und die konventionellen Schulen schneiden schlecht ab. Und das war so für uns eigentlich der Kritikpunkt, weil diese Befragung eigentlich nicht richtig ausgewertet worden ist, beziehungsweise wir nennen es „bias“ halt. Es bevorzugt die nachhaltigen Schulen explizit, weil es genau auf die Anforderungen und Gegebenheiten dort abzielt, der Rückschluss gezogen wird, dass die Architektur in sich – sprich wenn das Schulgebäude neu und mit nachhaltigen Materialien gebaut worden ist – dass das das Bewusstsein der NutzerInnen eigentlich dann stärkt. Und das war so der Anfangsweg von uns, wo wir dann angesetzt haben und ganz lange geschaut haben: Wie können wir das jetzt in der Forschungsfrage umformulieren und wie können wir da einen Text dazu schreiben, der das etwas beleuchtet, wie eigentlich Architektur und Pädagogik Hand in Hand gehen und einen Raum schafft, in dem sich die Nutzer*innen wohlfühlen und dort richtig lernen können. Und dieser Text war so dieser Anfangskritikpunkt, von dem das ausgegangen ist, wo wir dann gesagt haben: Okay, wir schauen jetzt – mit einer Umfrage in einer Schule. Wir waren im BRG 9 und haben dort eine Führung bekommen von Kindern und haben einen Workshop gemacht mit den Kindern zur Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein. Und geendet hat dieser Workshop mit einem Arbeitsblatt, das wir ausgeteilt haben.
Das war ein kurzer Fragebogen und eine Zeichnungsaufgabe, ein Mapping, wo die
Fragestellung lautete: Zeichne dein Klassenzimmer, so wie du dir ein nachhaltiges
Klassenzimmer vorstellst. Dieser Workshop war die Einleitung dazu, was es für verschiedene Aspekte gibt. Und dann haben wir geschaut: Wie erfahren die Kinder diese Nachhaltigkeit eigentlich wirklich? Die wussten auch viel zu generellem Umweltbewusstsein. Und in diesem Zeichnungsmapping ist dann aber sehr viel darauf herausgekommen, dass das bestehende Klassenzimmer gezeichnet worden ist und dann die einzelnen Teile, wie zum Beispiel Tisch, in „nachhaltig“ dazu geschrieben wurde. Aber dieses wirkliche Bewusstsein für die Architektur selbst war dann nicht da, sondern eher das Raumklima, wie der Raum wahrgenommen wird. Und das haben wir sehr spannend gefunden und deswegen haben wir uns dazu entschieden, dass wir jetzt noch Interviews führen wollen mit ExpertInnen, damit wir das gegenüberstellen können, wie die reale Nutzungswahrnehmung ist und wie das eigentlich planungstechnisch und architektonisch angedacht ist, damit wir schauen können: Wo passen die zusammen? Wo gibt es vielleicht Sachen, die jetzt nicht so übereinstimmen oder anders gedacht sind? Genau. Und das würde mich an der Stelle interessieren, wie da deine Meinung dazu ist.
00:05:46 Raphael Eder Also das ist einmal sehr kompakt gewesen, jetzt mit so vielen Aspekten, dass ich mir schwertue, gleich auf alle eingehen zu können. Aber das Erste – dieser Fragebogen bzw. dieses Monitoring, das öffentlich einsichtbar ist für Schülerinnen und Schüler, wie du das beschrieben hast – das gibt es in der Form in Österreich gar nicht. Das Einzige, was wirklich sichtbar ist, öffentlich sichtbar ist in jedem Gebäude, ist ein Energieausweis. Man könnte natürlich – die meisten Schulen haben heute schon Monitore, da könnte man vielleicht so was auch machen. Aber tatsächlich hat es bis jetzt noch nicht in der Praxis Eingang gefunden. Das würde wieder Mehrkosten verursachen, dass es möglich ist, dass das ausgespielt wird, sichtbar ausgespielt wird für Wasserverbrauch und
Heizungsverbrauch und so weiter und so fort. Das ist relativ kompliziert für die
Haustechniker. Ist natürlich eine nette Idee. Das Obst anbauen ist natürlich auch sehr schön, nur im urbanen Raum in Wien...
00:06:53 Jonas Huber Unmöglich.
00:06:54 Raphael Eder Es ist leider unmöglich. Wäre natürlich spannend. Aber wenn ich einen Garten selber habe, dann spricht nichts dagegen, dass ich mir mein Obst und Gemüse anbaue. Obst ist vielleicht ein bisschen langfristiger und nicht so ertragreich, aber Gemüse, Salat und so, das geht sehr flott. Das kann man schon machen. Aber das Zweite, Pädagogik und Nachhaltigkeit, dass das Hand in Hand geht: Das ist natürlich eine Verantwortung für die Lehrkräfte, dass die das wirklich vermitteln. Und das ist eine Verantwortung natürlich, die liegt zum Beispiel in einer Bildungssektion oder so oder bei den Lehrerinnen und Lehrern selber, dass die auch eine Initiative ergreifen. Hauptsächlich wahrscheinlich sind das Lehrerinnen und Lehrer aus dem naturwissenschaftlichen Bereich. Und natürlich müssen das Leute sein, die das Gebäude selbst verstehen und die Hintergründe darüber wissen, um das überhaupt vermitteln zu können. Und ein ganz gutes Beispiel ist da hinter dir: Das ist ein Schulprojekt, das wir gerade planen. Das ist „An den Eisteichen“, heißt das. Und das ist eine Schule, die jetzt in Holzhybrid-Bauweise errichtet werden wird. Das ist ein solches Prinzip. Man sieht das hier auf diesen Bildern sehr schön. Und das heißt, es wird Holzhybrid gebaut und ist auch klimaaktiv Gold zum Beispiel.
00:08:32 Jonas Huber Okay, was heißt das genau, klimaaktiv Gold?
00:08:35 Raphael Eder Klimaaktiv Gold ist – da gibt es von der Republik Österreich so diese
Zertifizierung für Gebäude – und da musst du gewisse Dinge erfüllen. Da spielen so viele Aspekte mit, wie zum Beispiel: Das Allererste ist der Ort. Wie sehr bin ich an öffentliche Verkehrsmittel angebunden? Wie nah sind die Infrastrukturen, Ärzte, Apotheken, Schulen? Ich meine, wenn du jetzt eine Schule baust, ist sie sofort da. Solche Punkte, und dann: Was für Materialien verwende ich? Wie nachhaltig sind die? Wie lokal sind die? Von wo kommen die? Und so weiter und so fort. Was für Haustechnik habe ich? Und das ist eine lange Liste, ewig lang, die du ausfüllen musst und die auch kontrolliert wird und die dann auch bei der Baustelle umgesetzt werden muss. Wir haben auf jeden Fall hier klimaaktiv Gold.
00:09:24 Jonas Huber Okay. Und das ist die beste Zertifizierung oder wie ist da die Skala?
00:09:29 Raphael Eder Platinum gibt es vielleicht auch noch, da muss man aber die volle Punktezahl erreichen. Ich weiß jetzt nicht, wie viele Punkte man für Gold erreichen muss. Ich habe diese Listen nicht selber ausgefüllt. Das ist ein furchtbar bürokratischer Prozess.
00:09:46 Jonas Huber Das kann ich mir vorstellen, ja.
00:09:49 Raphael Eder Aber die letzte Schule, die wir – also man muss sagen, Österreich hat ja zwei verschiedene Bauherren für Schulen. Das sind die Pflichtschulen und die weiterführenden Schulen. Und die weiterführenden Schulen macht zum Beispiel die Bundesimmobiliengesellschaft. Und diese Holzbauschule, das ist eine BIG-Schule, und die hat dieses Klimaaktiv Gold-Zertifikat. Und bei der letzten Schule, die wir gemacht haben, da hat es das noch nicht als Gold verlangt gegeben, sondern nur Silber. Dort haben wir auch dieses Silber erreicht. Da muss man aber auch dazu sagen, dass es immer ein Um- und Zubau war. Und der eigentliche Umbau hat auch nur Bronze erreicht. Aber das ist sehr schwer bei einem Umbau.
00:10:38 Jonas Huber Ja, logisch. Da wird wahrscheinlich direkt das Bestandsgebäude an sich auch schon wieder...
00:10:43 Raphael Eder Außerdem war es denkmalgeschützt. Da haben wir gar nicht so sehr diese klimatischen Maßnahmen treffen können, obwohl wir natürlich sehr viel gemacht haben. Aber nachhaltige Schulen – die erste Schule, die wir gebaut haben, das war in Niederösterreich. Und die haben gleich schon ein niederösterreichisches Energieeffizienzheft oder so was. Jetzt ist es genau notwendig? Und wir haben auch schon sehr viele
Anforderungen gehabt. Das heißt, egal was du machst zurzeit: weg von fossilen
Brennstoffen. Das heißt, diese Schule dort hat – ich weiß jetzt nicht wie viele, aber extrem viele Tiefenbohrungen. Die gewinnt alles über Geothermie. Und dann, was war noch alles gefordert? PVC-Freiheit. Da wurde schon geachtet darauf, auf die Baustoffe, dass wir halt nur lokale Baustoffe verwenden. Es war zwar ein reiner Betonbau, da muss man aber auch dazu sagen, das war eben 2008. Und da hat natürlich schon ein größeres Umdenken stattgefunden in der Zwischenzeit, dass man nicht mehr nur auf Beton zurückgreift, sondern wie da jetzt: Das ist eine Holz-Hybrid-Schule. Und dann, wenn da dieses Bild hängt: Das war dieser Bildungscampus für die Stadt Wien, das ist die Pflichtschule. 00:12:15 Jonas Huber Genau, da waren wir gemeinsam auf dieser Führung.
00:12:19 Raphael Eder Die ist auch fossile Brennstoff-frei. Auch mit vielen Tiefenbohrungen wird dieses Gebäude beheizt und belüftet. Nur im Sommer wird es konditioniert, weil die Tiefenbohrungen das ganze Jahr laufen: Im Winter holen sie die Wärme, im Sommer geben sie die Wärme zurück, damit ein Kreislauf bleibt, weil sonst, wenn du nur nehmen würdest, wird das mit der Zeit da unten wahrscheinlich ein riesiger Eisblock werden.
00:12:48 Jonas Huber Logisch, ja.
00:12:49 Raphael Eder Gibt es auch so – das haben sie gemacht – so, wie heißt das? Die haben so Schlaufen in der Erde eingelegt, um von der Erde aber oberflächlich Wärme zu gewinnen. Und dann sind sie draufgekommen, dass ihnen das eingefroren ist. Da haben sie gar nichts mehr verwenden können. Und darum muss der Kreislauf da sein, und das ist auch ganz praktisch im Sommer zum Konditionieren, weil das Heizen ist das geringste Problem. Das Kühlen im Sommer, das wird immer schwieriger. Und so was kann ich noch erzählen über diese Schule, die Eisteiche: Erstens sehr viel Grün, Fassadenbegrünungen, auch dann haben wir viele Terrassen mit viel Grün, um Klimainseln zu schaffen. Wir haben da auch zusammengearbeitet mit diversen Umweltplanern – wie heißt die Firma? – fallen mir jetzt nicht ein. Die haben genau untersucht, wie dort die Wärmeentwicklung ist, wie die Windentwicklung ist, weil das auch dort auch dadurch, dass das eine Gebäude so lang ist, kommt es dort zu stärkeren Winden. Wie kann man diese Winde rausnehmen? Dazu haben wir auch Experimente gemacht, um das zu schaffen, dass es nicht hineinkommt. Aber das ist sowieso keine normale Schule. Weil es ist immer – jedes Gebäude, das du planst, ist immer ein Prototyp. Es gibt nicht diese Standardschule, wo du sagst: „Das mache ich so und so und so und fertig“. Dazu gibt es ja auch den Architekturwettbewerb.
00:14:28 Jonas Huber Genau.
00:14:29 Raphael Eder Weil es eine geistig-schöpferische Arbeit ist, und jeder macht eine andere Lösung. Darum – das ist das Spannende beim Architekturwettbewerb – muss man sich immer alle Projekte anschauen, denn dann siehst du: Was war die Idee von dem und dem? Was war gut und schlecht? Warum habe ich gewonnen, warum habe ich verloren? Wobei das Energetische da nicht so stark berücksichtigt wird beim Architekturwettbewerb. Weil es auch zum Teil vorausgesetzt wird, dass du das auch erfüllen kannst, weil ja schon in der Ausschreibung steht: „Du musst Gold schaffen, du machst einen Bericht über die Haustechnik“ und so. Das ist ganz klar, das muss erreicht werden können. Und dann hast du überall Photovoltaik. Ich habe jetzt noch kein Projekt gemacht, wo nicht Photovoltaik eingebaut worden wäre. Wobei bei der ersten Schule, die wir gemacht haben, da haben wir nur die Verkabelung schon vorgesehen. Wie wir fertig waren, waren sie noch nicht dort. Es ist aber nachgerüstet worden. Das war auch so geplant. Es ist immer sehr, sehr schwierig. Die andere Alternative zum Beispiel bei diesem Um- und Zubau in der Stadt im zweiten Bezirk: Da kann man keine Tiefenbohrungen machen.
00:15:52 Jonas Huber Logisch.
00:15:53 Raphael Eder Da haben wir halt dann auf Fernwärme zurückgegriffen. Die war sowieso schon im Haus. Natürlich schöner wären die Tiefenbohrungen, weil so sauber ist die Fernwärme dann auch nicht, wie man sie gerne hätte. Und dann zu sagen: „Ja, das ist fossil brennstofffrei“, ist eigentlich eine Lüge. Weil um den Müll zu verbrennen, wird sehr viel Gas auch hineingeblasen.
00:16:17 Jonas Huber Ja, logisch. Aber das heißt eigentlich – bei der Verwirklichung von nachhaltigen Gebäuden ist logischerweise der Bauherr oder die Bauherrinnen und wahrscheinlich auch die Kostenfrage ein sehr großer Aspekt.
00:16:33 Raphael Eder Es liegt immer an der Bauherrin. Ob das jetzt die BIG ist oder die
Stadt Wien: Es ist immer die Bauherrin dafür verantwortlich. Natürlich, als Architekt kann ich Ihnen vorschlagen: „Leute, wir könnten doch dieses Gebäude so und so errichten“, aber das große Problem ist: Es gibt immer ein Kostenziel und Kostenvorgaben. Und dieses Gebäude – wenn Sie sich das nicht von Anfang an in Holz gewünscht hätten und auch ein höheres Budget vorgegeben haben – wäre das nicht möglich. Das ist leider tragisch, aber so ist es.
Auch wenn ich wollte und sagen würde: „Wir müssen das so und so machen“. Das war zum
Beispiel bei dieser anderen Gemeinde, wo wir diese Schule gebaut haben: Da hat es eine Firma gegeben dort, eine Industrie. Und der ist gekommen zu unserer Präsentation, hat sich irgendwo ein Bild von unserem Gebäude im Internet gesucht, hat überall Pfeile gemacht, welches Produkt von ihrer Firma gut passen würde. Und der Bürgermeister von der Gemeinde hat gesagt: „Ja, das müssen wir unbedingt machen“, weil das war natürlich der größte Arbeitsplatzgeber. Aber Gott sei Dank: Die Fenster, die die wollten, waren Kunststofffenster, also PVC-Fenster. Und PVC ist natürlich verboten in öffentlichen Gebäuden.
00:17:55 Jonas Huber Ach, okay.
00:17:56 Raphael Eder Dadurch sind sie gleich abgeblitzt.
00:18:00 Jonas Huber Sie sind überall abgeblitzt.
00:18:04 Raphael Eder Bei den Kanalleitungen nicht, glaube ich, aber gut, prinzipiell haben sie sonst überall Holz-Alufenster eingebaut. Das hat mich irrsinnig geärgert, dass da eine Firma kommt und sagt: „Das müsst ihr nehmen“. Und dann ist es nämlich ein öffentliches
Gebäude, wo ich sowieso produktneutral ausschreiben muss. Das heißt, er hat gar keine Garantie, dass er das überhaupt bekommt, diesen Auftrag – wahrscheinlich wieder sehr billig reinfahren. Hat mir nicht gefallen, ist auch nicht passiert, Gott sei Dank. Das war die eine Schule. Ja, dann die andere Schule, das war der Umbau von einer Kaserne in Wien. Da ist natürlich auch alles... da haben wir nach Alternativen für Lüftungssystemen gesucht, weil prinzipiell die mechanische Raumlüftung, wie sie jetzt überall eingebaut wird – auch eben dort bei den Eisteichen – das war vor ein paar Jahren noch nicht der Standard in allen Schulen. Jetzt haben wir uns ein Nachtlüftungssystem überlegt: In der Nacht sind die Fenster elektrisch angesteuert, so dass in der Nacht durchgespült werden kann. Aber wie soll das bei einem Klassenraum funktionieren, dass der durchgespült wird? Jetzt haben wir uns dort so ein Sperrsystem für die Türen überlegt: Wenn man am Abend weggeht, wird die Türe zwar zugesperrt von der Klasse, steht aber 10 Zentimeter offen. Das heißt, es kann auch luftgespült werden in der Nacht. Ist natürlich – wie alles – eine Nutzerfrage. Zum Beispiel in Neulengbach: Diese Schule, die wir gemacht haben, da ist dann ein Monitoring gemacht worden von einer Firma, die nachträglich gemessen hat, wie gut unser System funktioniert. Und sie haben festgestellt: „Ja, alles ist perfekt“. Nur die Direktion war zu heiß, weil der Direktor wollte nicht, dass die Jalousien immer automatisch runtergehen, und der hat immer gegengesteuert und hat immer das Fenster offen gehabt. Und das hat sich natürlich bei ihm dann am meisten aufgewärmt. Selbst schuld.
00:20:12 Jonas Huber Na gut, wenn es natürlich automatisch geplant ist und man wirkt dem entgegen.
00:20:18 Raphael Eder Nein, das ist überall so. Erstens: Standard ist natürlich ein außenliegender Sonnenschutz. Ich habe eigentlich noch nie was anderes gemacht außer außenliegendem Sonnenschutz. Sogar in der denkmalgeschützten Schule haben wir ein Detail entworfen, dass die Fassade nicht beleidigt wird, aber trotzdem ein außenliegender Sonnenschutz da ist. Und die Direktorin war auch superglücklich, weil die hat gesagt: Vorher waren die Klassenräume alle überhitzt im Sommer. Und jetzt hat sie den ersten Sommer hinter sich gehabt. Jetzt ist viel besser als vorher. Wir haben aber auch zusätzlich noch eine mechanische Lüftung eingebaut. Das heißt, die müssen nicht unbedingt die Fenster aufreißen. Das ist das nächste Problem: Wenn du die Fenster aufmachst, kommt es auch zu heiß hinein. Genau. Heute hat jede Schule – es ist ja auch für die Schüler das Allerbeste. Weil in einem Klassenraum, wenn der voll besetzt ist und der war gut gelüftet, dann ist nach sieben Minuten der CO2-Wert schon auf einem Wert, dass die Kinder einschlafen. Darum schlafen auch die meisten Kinder während dem Unterricht, weil das CO2 zu hoch ist. Hast du eine Lüftungsanlage, die den CO2-Wert niedrig hält und den Sauerstoffwert hoch hält, dann ist die Aufmerksamkeit auch besser. Es ist halt für viele Menschen noch nicht so wirklich akzeptiert, psychologisch, dieses „frische Luft Fenster aufmachen“. Das verstehe ich auch. Aber wenn man einmal merkt, dass die Luft eh gut ist im Raum, dann muss man nicht das
Fenster aufmachen. Das spürt man dann schon. Wobei, bei dem haben wir jetzt ein anderes System, das ist ein hybrides System auch: Da gibt es die kontrollierte Raumlüftung, aber auch noch eine zusätzliche Fensterlüftung. Das ist ein System, das öffnet die Fenster automatisch während der Pausenzeit. Hat man dann so eine schallgedämmte Überströmöffnung, die von den Klassen in die Gänge geht, und so weiter und so fort. Dadurch ist auch immer gewährleistet – auch in der Nacht: Ich muss jetzt die Tür nicht offenhalten, sondern über dieses System kann das ganze Gebäude durchgespült werden von der Luft.
Und jetzt kommt natürlich der nächste Schritt: Jetzt wird das Ganze ausgeschrieben. Da kannst du natürlich CO2 sparen, ohne Beton geht's leider gar nicht. Das ist einfach so, weil ein Gebäude ein aussteifendes System braucht, weil das Holz einfach zu instabil ist. Alleine. Und vom Brandschutz her und alles Mögliche: das geht nicht. Ich brauche eine Bodenplatte.
Ich brauche einen Haustechnikkeller. Ich brauche eine Fundierung. Ich habe die
Stiegenhauskerne, den Aufzugskern. Das muss halt Beton sein. Und da gibt's natürlich auch schon CO2-ärmere Betone. Das meiste – das Schwierigste dort – ist auch natürlich die Logistik von der Baustelle. Und ich meine, jetzt wird es erst ausgeschrieben, aber prinzipiell steht in den Ausschreibungen, dass sie nur lokale Materialien verwenden dürfen und sollen. Weiß aber nie, wie das ist mit den Firmen. Ich hoffe doch, dass das alles so wird, wie wir es planen. Und was haben wir sonst besonders nachhaltig? Ja eben nochmal: Bauherr muss bereit sein, mehr Geld tief in die Tasche zu greifen und das zu machen. Da brauchst du natürlich die gewisse Planungserfahrung, dass du weißt: Was muss ich oder was kann ich planen, dass das wirklich funktioniert? Und dazu brauche ich halt die richtigen Fachleute auch. Ich brauche einen guten Statiker, der sich auskennt mit Holzbau, ich brauche einen guten Haustechniker und Elektrotechniker auch natürlich für die ganzen Leuchtmittel. Aber das ist schon so ein Standard geworden. Das plant gar niemand mehr anders als so, muss man schon sagen. Ich glaube, die Verantwortung ist sehr gut angekommen bei den Planenden. Nur bei den Bauherren ist es noch überhaupt nicht überall angekommen, weil ich sage jetzt: Ein normaler Bauherr oder normale Bauherrin oder Normalverbraucherin kommt her und sagt: „Ich will ein Haus. Das soll aber so billig wie möglich sein. Ach so, Holz gibt es auch? Und das kostet aber fast das Doppelte?“. Ich meine, so ist es auch nicht, dass es das Doppelte kostet. Dann werden viele Leute abgeschreckt und gehen doch lieber zur konventionell teuren Lösung. Ich meine, bei den Heizsystemen sind die Leute schon offener, wenn du sagst: „Schau, wenn du eine Wärmepumpe hast, sparst du viel Energie“. Wenn das Wort „Sparen“ dabei ist, dann sind die Leute gerne dabei. Nur dass die Errichtungskosten höher sind, dass man dann auf lange Frist sich was spart –
00:25:53 Jonas Huber Ja, da ist halt eben diese Voraussicht auf jetzt halt vielleicht mehr Geld investieren, aber dafür... Dafür zahlt sich das dann in den nächsten 10, 20 Jahren wieder ab. Das ist wahrscheinlich auch sehr stark eine Frage, wie das Gebäude dann wirklich geplant ist und wie es angedacht ist, dass es auch verwendet wird. Das ist ja dann eben auch ein Nachhaltigkeitsansatz: dass jetzt nicht vielleicht nur die Materialien an sich nachhaltig sind, sondern dass das Gebäude einfach lange steht und lange verwendet wird.
00:26:25 Raphael Eder So ist es. Das nächste Problem ist auch – fällt mir gerade ein: dass einige Baustoffe auch noch nicht so angekommen sind. Zum Beispiel Lehm: Das wäre ein sehr toller Baustoff, den wir gerne eingesetzt hätten, aber der halt sehr schnell auf Widerstand stößt.
00:26:45 Jonas Huber Inwiefern auf Widerstand stößt?
00:26:46 Raphael Eder Na ja, in dem Fall hätten wir das vorgeschlagen, aber natürlich: Die Lehmplatte kostet ein Vielfaches von dem, was die Gipskartonplatte kostet, und damit war das Thema sehr schnell vom Tisch. Man könnte auch statt den Metallständern noch Holzständer nehmen und so weiter und so fort. Das wäre wesentlich nachhaltiger. Oder auch für die Fassadenmaterialien wollten wir ein Strohsystem vorschlagen. Hätten sogar schon eine Brandschutzprüfung gehabt auch. Aber trotzdem: Das war allen zu riskant und zu teuer, und da ist leider nichts draus geworden.
00:27:32 Jonas Huber Da wird dann lieber doch auf Bewährtes zurückgegriffen wahrscheinlich. Weil man wahrscheinlich auch in der Hinsicht Nachhaltigkeit oft eine Pionierstellung hat, dass man neue Ansätze vorschlägt, die natürlich zuerst einmal lange geprüft werden müssen und sich natürlich erst mal bewährt machen müssen, dass es dann wirklich auch funktioniert.
00:27:55 Raphael Eder Das ist das große Problem: dass es zertifiziert sein muss. Weil wenn ich jetzt ein Gebäude abbreche und gewisse Materialien wieder verbauen will, dann haben die alle kein Zertifikat. Deswegen kannst du sie dann auch gar nicht mehr einbauen. Da brauchst du schon eine andere Baustelle, wo man bereit ist zu sagen: „Ja, ist mir egal, ich nehme das trotzdem“. Weil ein Holz, das irgendwo eingebaut war, kann ich auch ruhig wiederverwenden. Ich habe das privat gemacht: habe eine Wohnung umgebaut und alle Türen, die wir rausgerissen haben, haben wir an einer anderen Stelle eins zu eins wieder eingebaut. Und die schönen Altbauziegeln haben wir auch wieder zum Aufmauen verwendet. Das nachhaltigste Gebäude, das es in Österreich gibt, ist der Gründerzeitbau. Wir sitzen gerade da auch in so einem. Die kannst du als Büro nutzen, die kannst du als Wohnung nutzen. Die haben eine angenehme Raumhöhe. Das ist vielleicht fürs Heizen ein bisschen aufwendiger, aber zum Leben ist es halt einfach mehr Qualität. Und all diese Materialien:
Wenn du das fachgerecht abbrechen würdest, das kannst du alles wieder in die
Kreislaufwirtschaft zurückführen. Und bei den modernen Stahlbetonbauten, die wir errichtet haben: Da ist eine furchtbar giftige Wärmedämmung überall drauf. Dann ist alles Beton, den musst du halt entsprechend schreddern. Dann hast du vielleicht Kunststofffenster – das ist sowieso das nächste Gift. Gut, die Elektroleitungen sind überall Gift, weil die sind ja überall auch nachträglich ausgetauscht worden, Gott sei Dank. Weil wenn du so im Altbau ein bisschen an den Putz klopfst, wo im Putz die Elektroleitungen sind, dann bist du relativ glücklich, dass wir das ausgetauscht haben.
00:29:51 Jonas Huber Natürlich, ja.
00:29:54 Raphael Eder Muss halt im Stand der Technik sein. So, was kann ich dir sonst erzählen. Nachhaltigkeit ist eigentlich sehr einfach: Es muss ein Wille da sein, dann funktioniert es. So einfach wäre es.
00:30:10 Jonas Huber Ja, prinzipiell natürlich. Wir müssen ja nicht alles auf rein die Schulbauung zurückführen. Auch wenn jetzt irgendwelche anderen Projekte genannt werden, weil das ein besonderer Fokuspunkt war, ist natürlich auch gerne – können wir gerne behandeln.
00:30:26 Raphael Eder Ja, natürlich.
00:30:27 Jonas Huber Weil das ist ja alles – nachhaltiges Bauen ist ja diese große
Überkategorie, wo der Schulbau im Endeffekt nur reinfällt. Das ist natürlich schon noch mal eine eigene Sparte, weil öffentlicher Bau und Lernplatz der Kinder. Aber prinzipiell ist ja der nachhaltige Gedanke in der Architektur relativ ähnlich überall.
00:30:50 Raphael Eder Aber da hast du auf jeden Fall recht. Aber um wieder auf das Eine zurückzukommen: Pädagoge und Nachhaltigkeit vermitteln. Das Gebäude ist ja auch ein Pädagoge am Ende des Tages. Und bei dieser Schule wird es sehr sichtbar sein, dass es eine Holzkonstruktion ist. Wenn man in der Klasse sitzt, haben wir diese Holz-Hybrid-Decken. Das heißt, man sieht die Holzträger. Dazwischen ist halt eine Wärme- und Schalldämmung, weil das Wichtigste im Klassenraum ist immer die Schalldämmung. Es muss – die Kinder müssen sich gegenseitig hören und die Lehrkraft muss auch verständlich sein. Deswegen ist Akustik das Um und Auf in jedem Klassenraum. Aber trotzdem ist – obwohl alles eine abgehängte Decke ist mit diesem Schallmaterial – die Holzkonstruktion sichtbar, und in jedem Raum siehst du die Stützen. Wenn du rausgehst, siehst du überall diese Materialien. Da ist die Nachhaltigkeit sichtbar, nur muss es natürlich auch den Kindern von den Lehrkräften vermittelt werden: „Schaut, ihr seid nicht in einer normalen Schule, das ist eine
Holzbauschule. Und da wurden so und so viele Tonnen CO2 gespart“. Wir sind ja doch der größte CO2-Produzent. Das einzige Problem, das natürlich bei dieser Schule ist: Es wurden so und so viele Quadratmeter unversiegelte Fläche versiegelt. Aber dieses Problem hast du halt in der Architektur immer. Denn wir haben dieses Projekt – das da, das Modell mit dem Zickzack –: Am Ende des Tages waren weniger Flächen versiegelt als vorher, weil es nur ein Umbau war, wo wir oben drauf gebaut haben, und der Innenhof war komplett versiegelt und dort haben wir wenigstens aufgebrochen und begrünt. So gesehen ist es weniger versiegelte Fläche als vorher. Aber das ist auch selten der Fall.
00:32:56 Jonas Huber Weil du das jetzt gerade erwähnt hast, Thema, dass das vom Lehrpersonal auch vermittelt werden muss: Das ist genau unser Grundgedanke, unser Ansatz eigentlich gewesen. Wie viel das jetzt dann wirklich bringt, wenn nur nachhaltige Materialien vorhanden sind. Und wie in diesem wissenschaftlichen Paper der Rückschluss gezogen wird: „Die Kinder sehen das nachhaltige Material und wissen sofort, es ist nachhaltig“. Da ist genau unsere Frage: Inwiefern dieses Bewusstsein rein dadurch – rein durch architektonische Gegebenheiten – vermittelt wird.
00:33:35 Raphael Eder Wie sehr, das ist die Frage, wie sehr kann ein Kind Architektur oder Kunst und so weiter, Kultur selbst interpretieren, ohne dass es das auch erklärt bekommt?
Wir haben zum Beispiel hier auch ein Regenwasserwirtschaftssystem. Das heißt: Diese Regenwässer werden zum einen – wir haben einen ganz furchtbaren Baugrund dort, da kann das Wasser eigentlich nicht versickern. Wir haben sogar Angst, dass das Wasser von unten kommt, weil das ist ein artesisches Grundwasser. Wenn du da reinbohrst, ist ein
Springbrunnen da und ganz Wien ist unter Wasser. Ja, so schlimm ist es nicht, aber kommt das Wasser raus und das ist gefährlich. Jetzt haben wir dort ein Schwammstadtprinzip natürlich für die Bäume – also wo sie eingesetzt werden, dort ist das Wasser gesammelt. Die Dächer halten auch das Wasser zurück, und wir sammeln das Wasser in Behältern, um eben auch die Pflanzen zu bewässern. Was nicht gemacht wird – was auch gut wäre eigentlich –:
dass man die Spülungen ansteuert von WCs. Dass dieses Nutzwasser – aber das ist ein unglaublich komplizierter und schwieriger Prozess, weil es ist super gefährlich: das Trinkwasser muss von diesem Nutzwasser getrennt sein. Das ist ein hygienisches Problem.
Ich meine, wir können schon davon ausgehen, dass niemand den Kopf ins WC hält und das Wasser trinkt. Prinzipiell wäre das eine gute Idee, aber das zweite Problem ist – weshalb viele Leute dagegen sind –: dass dieses Nutzwasser extrem verschmutzt. Das hieße, die WCs würden doppelt so schnell verschmutzen, als wenn man das wertvolle Trinkwasser darunterspült. Eigentlich schon schade, dass man da Trinkwasser verwendet. Zum Beispiel in Japan: Wenn du aufs WC gehst und spülst, kommt das Wasser oben bei einem Wasserhahn hinaus, um den WC-Kasten zu füllen, und dann kannst du dir die Hände waschen.
00:35:42 Jonas Huber Ah, okay.
00:35:45 Raphael Eder Nicht bei allen, aber bei manchen. Das ist superpraktisch. Du ersparst den Platz, wo das Waschbecken an der Wand hängt. Willst du dir dort die Hände waschen?
Gut, es ist nicht warm, aber mein Gott.
00:36:01 Jonas Huber Das ist auch wieder eine Energiefrage.
00:36:03 Raphael Eder Ich meine, Händewaschen muss jetzt kein warmes Wasser sein. Beim Duschen ja, natürlich, ist klar. Aber zum Händewaschen kann es sogar mal kalt sein. Das akzeptiert jeder. Im Winter ist es halt kälter, da wo man es gern wärmer hätte. Ja, aber ist schwierig. Wie kann, wenn Kinder in so einer Schule sitzen, ohne zu wissen... ich meine, gut, die sehen: Das ist Holz. Bedeutet das gleichzeitig, dass es nachhaltig ist?
00:36:38 Jonas Huber Eben. In diesem Mapping, das wir gemacht haben mit den Schülern, ist relativ klar schon eher in die Richtung rausgekommen: dass dieses Reine – man sieht die architektonischen Gegebenheiten – nicht reicht. Und das Raumklima dort eigentlich viel wichtiger ist. Es gilt zumindest für die Kinder, die wir befragt haben – das waren 12- bis 13jährige Kinder. Ich glaube, zwei, drei waren auch mit 14 Jahren dabei. Da ist es viel mehr darum gegangen: Denen war viel wichtiger, dass es im Klassenzimmer angenehm ist, dass es kühl ist und da gute Luft ist. Und was zum Beispiel auch ganz interessant war: Prinzipiell ist das BRG 9 ja ein Bestandsgebäude, auch ein Gründerzeitbau. Und der hat sich im Sommer extrem aufgeheizt.
00:37:36 Raphael Eder Das BRG 9, wo steht das?
00:37:38 Jonas Huber Das ist im 9. Bezirk. Aber ich kann nicht genau die Adresse sagen. Irgendwo in der Richtung von der Friedensbrücke ist die da in dem Eck? Ich bin mir nicht ganz sicher. Ist das irgendwann umgebaut worden vor Kurzem? Ich glaub, das ist vor circa zehn Jahren saniert worden. Das ist schon lang. Aber auf jeden Fall war da ein ganz großes Ding von den Kindern, dass es im Sommer extrem heiß ist. Die waren im obersten Stock. Das war ein sehr großer Beschwerdepunkt. Das ist so weit gegangen, dass sie sogar gesagt haben: „Der Müllraum ist besser, weil der Müllraum kühl ist“, weil der Müllraum unten im Erdgeschoss ist und der kühl ist. Und das haben wir von mehreren Kindern separat gehört, dass der Müllraum so toll ist, weil die alte Klasse war nahe vom Müllraum und da war es immer kühler.
00:38:34 Raphael Eder In der Zirkusgasse, da haben wir nachträglich außenliegenden Sonnenschutz eingebaut und eine kontrollierte Raumlüftung. Das ist dann natürlich spürbar, weil das habe ich auch die Direktorin gefragt und sie hat gesagt: „Ja, das ist jetzt viel besser geworden, das Raumklima“. Es ist natürlich eine Zumutung, wenn man wo sitzt... wenn dieses Büro hier... wir sind komplett südorientiert. Es heizt im Sommer ordentlich auf.
00:39:02 Jonas Huber Logisch.
00:39:03 Raphael Eder Und wir dürfen, wir können keine Klimaanlage einbauen, weil es ein denkmalgeschütztes Gebäude ist. Aber wir haben das große Glück, dass wir querlüften können. Und im Sommer machen wir die Türe, die Eingangstüre, auf, weil die Stiegenhäuser in Altbauten sind wie ein Kühlschrank.
00:39:24 Jonas Huber Das hat man im BRG 9 eh auch bemerkt: dass das ganze Stiegenhaus und die ganzen Gänge eh auch miteinander verbunden waren. Und die Kinder haben dann auch gemeint: Ja, sie sind auch gerne unter der Stunde, wenn sie dürfen, vorzugsweise nicht im Klassenzimmer, sondern in den Tischinseln, die in den ausladenden Gängen und im Stiegenhaus sind. Einfach weil natürlich auch die Decken höher sind und es dort einfach viel kühler ist, was natürlich die ganze Zeit durchzieht.
00:39:56 Raphael Eder Ja, das ist auch eine interessante Sache in Wirklichkeit, muss ich auch sagen. Man schaut immer, dass alle Klassenräume nach Süden orientiert sind, aber in Wirklichkeit: Das Nordlicht ist genauso gut. Nur dass ich ein Fenster nach Norden habe, heißt nicht, dass ich kein Licht mehr bekomme. Aber es ist natürlich die kühlere Seite, das ist auch angenehmer. Ja, jetzt muss ich mal schauen... BRG 9 an der Friedensbrücke. Glasergasse, ja, die Glasergasse.
00:40:46 Jonas Huber Wie gesagt, das war auch sehr spannend, weil altes Gebäude und in der Innenstadt natürlich auch wenig Grünfläche verfügbar. Es gibt dort auch keinen richtigen Pausenhof. Ich glaube, da rechts ist der Eingang. Ja, ja, auch mit dem Hof. Genau, das ist der.
Und im Innenhof?
00:41:14 Raphael Eder Eine schöne Schule.
00:41:16 Jonas Huber Ja. Im Innenhof ist nur der Sportplatz. Aber eigentlich keine richtige Grünfläche an sich. Und dieser Hartplatz wird als Pausenraum verwendet von den Kindern, die sich dort aufhalten. Man hat schon gemerkt, dass da auch das Bedürfnis an Grünraum bei denen dort ist. Weil sie in jeder freien Minute, wo sie können... Genau, da geht's raus. Da haben die gemeint: Egal welche Temperatur, egal im Winter oder im Sommer, sind sie in der Pause draußen, weil es Freiraum ist.
00:42:00 Raphael Eder Ja, da habe ich vielleicht etwas Interessantes. Über die Zirkusgasse, was wir dort gemacht haben. So, weg ist es, Pläne. Da haben wir eigentlich auch nichts Neues versiegelt bei dem. Das war das Grundstück, da gehen wir ganz schnell durch. Das ist ein denkmalgeschütztes Gebäude. Das ist in der Zirkusgasse gelegen, weil da vorher ein Zirkus dort war. Und da sind so historische Pläne. Das war das Grundstück. Das sieht man sehr schön. Die ganze Fläche war genau so, wie du vorher von der anderen Schule beschrieben hast: einfach eine versiegelte Fläche. Als Betonplatz, wo natürlich die Kinder in der Pause rauskonnten. Und unsere Aufgabe war es jetzt nicht, das zu begrünen, sondern die Schule überhaupt zu erweitern. Da waren sehr schöne Bäume, und in den 80er-Jahren haben sie ja schon zu wenig Platz gehabt. Und dann hat jemand die Idee gehabt: „Machen wir doch im Innenhof eine Stahlbetondecke mit zwei Oberlichten und bauen da unten eine Klasse ein“.
00:43:43 Jonas Huber Ach, da ist die Klasse drunter?
00:43:45 Raphael Eder Ja, jetzt musst du dir vorstellen: Das war eine Klasse dort. Man hat Unterricht ohne direkten Ausblick ins Freie, in einem muffigen, feuchten Keller – schrecklich.
00:43:56 Jonas Huber Ich hab mir jetzt gedacht, da ist der Turnsaal.
00:43:58 Raphael Eder Ja, die Gangflächen, ja, das sind die Pausenflächen. Das war der Ausgangspunkt und sie haben gesagt: „Na ja, wenn das dort eh schon versiegelt ist“. Turnsaal ist immer das größte architektonische Problem, weil das ist riesig. „Machen wir doch unterirdisch und stellen da oben das Gebäude drauf“. Und angesichts der Abstände wegen der Belichtung hat sich diese Form ergeben. Und dann natürlich das Andocken ans denkmalgeschützte Gebäude. Da muss man auch sensibel umgehen damit. Und dann: „Schaffen wir doch einen neuen Vorplatz und werten diesen Innenraum auf“. Das ist dann auch so, wie das ausschaut. Man sieht, das ist noch immer versiegelt, aber man hat trotzdem versucht, Grün reinzubringen. Auch die ganze Terrasse ist begrünt und hält das Wasser zurück. Und das ist das Interessante: Ich habe dann die Direktorin gefragt, ob sie dort nicht im Biologieunterricht mit den Schülerinnen und Schülern Salat anpflanzen oder solche Sachen. „Na, wer soll das pflegen?“ Damit war es weg. Ja, die super Idee. Und dann – das war die wichtigste Idee – war: Raus mit der Stahlbetondecke, oben ein neues Glas draufmachen. Das ist natürlich auch ein Irrsinn. Ich meine, wenn ich mir so Baustellen anschaue... was da zunächst einmal für Maßnahmen... Mensch, aus Superstahl, den kannst du auch in der Öffentlichkeit nochmal recyceln.
00:45:45 Jonas Huber Natürlich, ja.
00:45:46 Raphael Eder Ich nehme an, dass alles so entsorgt worden ist, wie wir es nicht gern hätten. Ich dachte, da kommt eine bessere Darstellung hervor. Das Glasdach. Und haben wir gesagt: „Wir müssen diesen Innenhof wieder aufwerten“. Haben die Fenster zum Teil hinausgegeben, Balkone eingebaut. Schau mal, da war vorher ein Deckel drinnen. Diese Fenster waren zugebaut, das haben wir alles wieder freigelegt, alles in Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt, und plötzlich ist aus diesem Raum, der vorher keinen Wert gehabt hat, ein hochwertiger Raum geworden. Das ist auch nachhaltig.
00:46:29 Jonas Huber Natürlich.
00:46:31 Raphael Eder Und dieser Raum – das ist unglaublich – der wird von den Schülerinnen und Schülern total genutzt. Wenn du dort hinkommst: Die sitzen immer auf dieser Sitzstiege, lernen dort. Das ist eine Riesen-Bereicherung. Das war der totale Wahnsinn, weil wir mussten nämlich – um in den Turnsaal zu kommen – haben wir in den
Altbestand ein Stiegenhaus eingebaut, das zwei Stockwerke hinuntergeht, und einen Aufzug, so dass es auch barrierefrei ist. Das ist nämlich auch die Geschichte: Gebäude müssen immer barrierefrei sein. Und das ist der Wahnsinn. Das ist der Turnsaal, und da steht in der Mitte vom Turnsaal eine Stütze. Aber nur für die Baustelle.
00:47:25 Jonas Huber Ja, okay, okay.
00:47:27 Raphael Eder Weil das ist natürlich – man sieht – da ist das denkmalgeschützte Gebäude und da geht es zehn Meter tief hinunter. Unglaublicher Aufwand. Nachher schaut es so aus. Den Eingang haben wir auch noch neu gemacht, weil plötzlich ist es nicht mehr die Zirkusgasse, sondern die Weintraubengasse, wo die Kinder hineingehen – aber sie heißt noch immer Zirkusgasse. Und schau: Überall sind Sitzbänke, so dass auch die Kinder rausgehen können. Da war es noch nicht ganz fertig, da ist dann das Schulbuffet. Und ja, das sind die zusätzlichen Klassenräume, die gebaut worden sind. Man sieht: Das ist so ein schönes Zirkulationssystem. Wenn du reinkommst, wirst du in das alte denkmalgeschützte Stiegenhaus geführt, um hinaufzukommen, kannst rundherum gehen überall. Ja, und jetzt auch, was sehr wichtig ist: Diese fantastischen Böden waren so schön, dass sie sie rausgerissen, aber gesammelt haben und wieder eingebaut haben, weil das ist natürlich auch wieder sehr aufwendig, aber das ist dann echte Kreislaufwirtschaft, dass du sagst: „Ich reiß die raus, aber ich verwende sie wieder“. Da sieht man eh, was wir wo wiederverwendet haben. Überall ist es nicht gegangen, aber das ist Vorher-Nachher. Schön, oder?
00:49:05 Jonas Huber Auf jeden Fall, das ist natürlich, ja.
00:49:08 Raphael Eder Das sehen natürlich Kinder nicht, das sehen die Lehrerinnen und Lehrer nicht, das sieht keiner. Das wissen nur die, die es umgesetzt haben.
00:49:16 Jonas Huber Aber man spürt es.
00:49:18 Raphael Eder Das sind die neuen Klassen, da haben wir auch einen Holzboden gemacht. Ja, da spürt man es, nicht wahr.
00:49:24 Jonas Huber Auf jeden Fall ist natürlich Boden, warmer Boden, auch Holz vorteilhaft.
00:49:32 Raphael Eder Und da sehen wir dann diese Dachgärten, die funktionieren supergut. Ich war sehr überrascht: Die haben dort gepflanzt, und das gedeiht totalsuper.
00:49:48 Jonas Huber Aber kümmern sich da die Kinder drum?
00:49:50 Raphael Eder Nein, wir haben schon auch einen Gärtner, der da ab und zu kommt.
Nein, leider. Ich finde, das wäre wichtig, dass es die Kinder machen sollten.
00:49:57 Jonas HuberWeil das war nämlich im BRG 9 sehr witzig gewesen.
00:50:01 Raphael Eder Es hängt und fällt alles an der Schulleitung. Und ich weiß von der anderen Schule, von der AHS in Neulengbach, dort ist ein super Direktor. Der kommt her, und in den Pausen werden alle Räume geöffnet. Die Kinder dürfen überall hingehen, dürfen herumlaufen, dürfen draußen sein, dürfen drinnen sein – auch in den Turnsälen. Weil es gibt sicher viele, die sagen: „Nein, Turnsaal betreten verboten während der Pause“. Aber warum nicht? Die nehmen sich einen Ball, kicken dort fünf Minuten... Auch das war nämlich eine reine Gangschule – und durch diese Erweiterung der Balkone haben wir plötzlich
Pausenflächen geschaffen. Ja, das ist ein lustiges Detail: Das war eine Ziegeldecke, die haben wir halt rausgerissen und haben nachher hineinbetoniert, aber auch mit einer Wölbung. Das heißt, du merkst im Innenraum, dass da haben wir das wiederhergestellt, diese Wölbung. Das ist Vorher-Nachher. Gott sei Dank gibt es den Denkmalschutz, muss man sagen, weil sonst kommt der Herr und sagt: „Ja, macht das einfach gerade, weil es billiger ist“.
00:51:19 Jonas Huber Ja, logisch.
00:51:21 Raphael Eder Und wir haben auch überall diese – die sind dann nicht so gut – aber dieser Boden: Das ist der Originalboden, das ist der neue, den wir nachgemacht haben. Ja, die Balkone haben schon Holz, aber da ist es das Gleiche. Gott sei Dank – und das ist auch sehr wichtig für die Kreislaufwirtschaft – es gibt ein paar so supertolle Händler, die sammeln von allen möglichen Abbruchbaustellen diese Materialien, und die haben das dort alles nachkaufen können. Das war das Stiegenhaus. Das ist ein großartig schönes Gebäude. Da haben wir verschiedenste Farben ausprobiert, die wir mit dem Denkmalamt dann ausgetestet haben – und das ist ein Schlusswort. Man muss dort sein, dass man die Atmosphäre spürt.
00:52:39 Jonas Huber Natürlich, ja.
00:52:40 Raphael Eder Den Dachboden haben wir auch ausgebaut. Vorher war es so, nachher war es so. Weil – ich meine, schau – das ist eine Schule, die hat viel Platzbedarf. Und da ist natürlich die Verdichtung ganz wichtig. Da sehen wir auch schon: Wir haben diesen Rhythmus aufgenommen von unten und schön weitergeführt. Dadurch ist es architektonisch auch sehr harmonisch. Das ist auch dieser Wahnsinn: Wenn man so was bereinigt und sagt: „Wir brauchen mehr Platz“, kommt halt viel Stahl hinein. Und das war auch ein super Moment: Und zwar die Schule ist ja eine Schule, die im Betrieb war. Und die sind während der Bauzeit in eine andere Schule in den ersten Bezirk übersiedelt, sind dort gesessen für zwei Jahre, und ich glaube am letzten oder vorletzten Schultag hat die Direktorin gesagt: Sie macht einen Ausflug mit den Schülerinnen, und zwar sie gehen in ihre alte, neue Schule. Und die ganze Schule ist gewandert vom ersten Bezirk in den zweiten. Und die ist dann da auf dieser Bühne gestanden und sagt: „Kinder, ihr glaubt das nicht, aber unter uns ist ein Turnsaal.“ Na schau – also es funktioniert, wie man sieht auf dem Weg. So ist es nicht jeden Tag. Aber es ist supernachhaltig.
00:54:11 Jonas Huber Gut, sehr interessant, sehr spannend. Es ist natürlich sehr interessant, dann reale Lösungen dazu zu sehen.
00:54:45 Raphael Eder Da warst du eh dort. Genau, da sind vielleicht ein paar Baustellenfotos. Ja, nicht so stimmungsvoll. Das ist die AHS in West, die haben wir gewonnen, umgesetzt. Das ist Neulengbach, gewonnen, umgesetzt. Und das ist jetzt eben Projektkürzel. Die anderen sind alles nur Wettbewerbsbeiträge. Leider nicht umgesetzt, das ist aber normal. Das war vorher, da haben Sie da die Züge umgestellt, die sind da gedreht worden. Und so hat es vorher ausgeschaut. Natürlich war das prinzipiell unversiegelte Fläche, aber kontaminiert mit diesen alten Betonfundamenten, die da noch immer drinnen waren – aber doch ein Stück Wald, ein schönes Stück Wald, der leider weichen musste. Aber so ist das Leben leider. Aber wir haben ja viel neu gesetzt. Und so schaut's jetzt aus. Das ist eh interessant schon: Das ist die Schulbaustelle, und das ist der Wohnbau, den sie nachher gemacht haben. Auch dieser grüne Streifen, der davor da war, soll ja wieder nachwachsen, hoffentlich. Eben das Wichtige: der Vorplatz. Ja, das ist vielleicht auch sehr wichtig: Bewegung, Orientierung, Identität, Innen-Außen-Beziehung, Atmosphäre und
Kommunikation. Ich könnte noch sechstens „Nachhaltigkeit“ dazusetzen, aber wenn ich diese fünf Punkte habe, ist es unter Anführungszeichen nachhaltig. Habe ich da was zur Energie drinnen? Nein. Schau mal, sogar mit Kindern funktioniert es.
00:56:47 Jonas Huber Gott sei Dank.
00:56:50 Raphael Eder Ja, die war eh positiv angetan, die Dame dort direkt war. So sieht man es selten. Das ist geil. Das ist ein schönes Foto.
00:57:11 Jonas Huber Das ist auch im Turnsaal aufgenommen, oder?
00:57:12 Raphael Eder Das ist im Turnsaal. Das ist der Kindergarten mit dieser Spielnische. Und ich weiß nicht, wieso die damals – das ist halt ein lustiges Moment – dass da diese Leiter so steht. Hat irgendwie auch so eine Symbolkraft. Ja, Musikschule. Nein, die Fotos sind von einem Fotografen, da waren alle einverstanden fotografiert zu werden. Das ist nämlich sonst nicht zulässig.
00:57:52 Jonas Huber Ja, es war eben bei – wie wir den Schulbesuch hatten – eben auch große Obacht drauf zu legen: entweder von den Eltern die Einverständniserklärung einholen oder Fotos ohne Kinder drauf. Logischerweise.
00:58:34 Raphael Eder Da kann ich dir schon vielleicht was über Nachhaltigkeit erzählen. Eben, da gibt's auch immer wichtige Punkte. Das musst du dir erst einmal geben: So war diese Fabrik in den 30er-Jahren. Im totalen ruralen Umfeld. Alles grün, alles Felder. Und 100 Jahre später... BAM! Aber jetzt sind wir in der Zwischenzeit 23.000 Leute tatsächlich hingezogen, das ist schon verrückt, oder? Da haben Sie diesen Bildungscampus hingestellt.
Da sind wir Zweite geworden. Das war mal ein Feld, und wir stellen alles eben da drauf.
00:59:43 Jonas Huber Ach so, ist das jetzt fertig?
00:59:44 Raphael Eder Das ist es, genau, eigentlich schon fertig gebaut. Das war auch abgestimmt, das war auch unter Denkmalschutz. Da muss ich noch mal einen Fotografen hinschicken, weil der war noch nicht begrünt, wie die fotografiert haben. Das war der Innenraum vorher, so schaut er vielleicht nachher aus. Innenraum ist großartig, so schön. Das macht halt Spaß, wenn du was baust. Man darf halt kein schlechtes Gewissen haben, wie viel CO2 man verursacht. Aber auf der anderen Seite: Leben ist Energie, und wir verbrauchen einfach Energie. Und nach der Kleidung ist das Nächste, was wir brauchen, ein Dach über dem Kopf. Es ist einfach eine Notwendigkeit, die natürlich auch – wir könnten viel mehr nachverdichten, die Städte, wäre sicher nachhaltiger. Die ganzen Einfamilienhäuser, die überall aufgestellt werden, sind nicht die Lösung. Von wo kommst du?
01:01:08 Jonas Huber Oberösterreich. Ried im Innkreis.
01:01:11 Raphael Eder Ried im Innkreis.
01:01:15 Jonas Huber Ja, nur – also bei mir ist quasi Umgebung nur – und das Dorf eigentlich.
01:01:24 Raphael Eder Das Problem ist halt, dass sehr viele Bauern umwidmen haben lassen, weil es natürlich ein lukrativeres Geschäft ist – kurzfristig gesehen.
01:01:34 Jonas Huber Logisch.
01:02:07 Raphael Eder Da war alles – wie heißt sie? – das Turn-On-Festival, kennst du das?
01:02:15 Jonas Huber Wie nochmal?
01:02:16 Raphael Eder Turn-On-Festival.
01:02:18 Jonas Huber Noch nie gehört.
01:02:20 Raphael Eder Nie gehört?
01:02:21 Jonas Huber Nein, tatsächlich nicht.
01:02:23 Raphael Eder Das findet jedes Jahr statt. Da habe ich schon Turn-On besucht. Noch nie gehört? Das findet jedes Jahr im RadioKulturhaus statt. Das ist ein Winterfoto schon, nicht wahr? Das kommt da vielleicht gescannt? worden als Film. Da sind aber in der Zwischenzeit viel mehr realisierte Projekte dazugekommen. Da fünf Themen, auch nicht neu für dich. Das war das Gelände. Eigentlich war das auch zu 100 Prozent versiegelt, wie man sieht. Gut, ich meine, man muss dazu sagen: Es war ein Bundesbahngelände?, deswegen waren alles Parkplätze. Genau, und der Bestand war auch unter Denkmalschutz. Das ist eine ehemalige Reithalle, und das war ein Mannschaftsgebäude. Und diese zwei Gebäude durften abgetragen werden. Und das war eine Identität, weil eigentlich – wie wir dort waren – haben wir gleich gespürt: Dieser Hof hat eigentlich schon eine sehr starke Vorgabe. Das zeigt dann schon: Was ist die richtige Proportion, die richtige Größe für einen Vorplatz? Dahinter haben wir das Ganze wiederholt. Und das war dann unsere Idee: dass wir das genauso umsetzen, dass wir die gleiche Hofbreite machen, aber dafür mit dem Neubau? mit dabei sind, ein bisschen zurückgestaffelt arbeiten. Und das schaut dann so aus, wenn man es im Winter fotografiert. So, ist fast gleich. Man sieht die Stiege, die Stiege, dieser Raum hier auskragt.
Das ist natürlich selten, dass ein Projekt wirklich so ausschaut, wie wir es vorher geplant haben.
01:05:05 Jonas Huber Ach so, das Eine war real als Foto und das andere eine Visualisierung? 01:05:09 Raphael Eder Das ist das Rendering und das ist das Echte.
01:05:13 Jonas Huber Ah, okay.
01:05:14 Raphael Eder Ich werde doch kein Rendering machen, wo der Schnee so unschön aussieht.
01:05:18 Jonas Huber Nein, ich habe mich gerade schon gefragt, aber okay, jetzt kenne ich mich aus.
01:05:22 Raphael Eder Genau. Und so schaut das dann aus in der Realität. Und was haben wir gemacht mit dem Denkmalschutz? Das ganze Gebäude haben wir eigentlich entkernt. Dann gibt es da auch wieder einen unterirdischen Turnsaal. Da haben wir angefangen, Turnsäle unterirdisch zu machen. Es ist ja prinzipiell vorteilhaft. Ein Turnsaal sollte natürlich belichtet sein, aber das natürliche Licht ist auch nicht so gewünscht in einem Turnsaal, weil es blendet. Das ist das Modell. Und das war auch einer der wichtigsten Eingriffe vom ganzen Ding, weil dieses Gebäude steht dort im Rücken zur Öffentlichkeit. Du merkst gar nicht – eine Kaserne ist auch ein öffentliches Gebäude, aber halt nicht für die Öffentlichkeit. Unsere Idee war dann einfach: „Machen wir es auf“. Plötzlich hat es einen Dreh und ist auch offen. Du siehst, wir haben auch alles gelassen, wie es war. Das Material haben wir nicht recycelt damals. Das war auch spannend: die Turnhalle. Das Denkmalamt war besonders scharf auf diese Stahlträger. Deswegen haben wir die auch erhalten. Aber um es energetisch aufzuwerten, mussten wir ein neues Dach machen. Und das Lustige war: weil der Flächenwidmungs- und Bebauungsplan hat dort eine andere Bauklasse gehabt – also wir hätten es eigentlich viel, viel höher nachher bauen müssen. Jetzt mussten wir aber eine Ausnahme – das nennt man Paragraph 69 nach Wiener Bauordnung – ansuchen, warum wir niedriger bauen, als eigentlich zugelassen wäre. Und um das durchzusetzen, muss es beim Bezirk – für alle Bezirksvertreter, Bezirksvorsteher und alle, die da hineingewählt sind – eine Präsentation geben. Und wir haben denen das erklärt: „Warum wird das niedriger?“ und so weiter und so fort. Und weißt du, was die Leute als Fragen gestellt haben? Eine Partei hat gesagt: „Es sind zu wenig Autoparkplätze“, und die andere Partei hat gesagt: „Es sind zu wenig Fahrradparkplätze“. Also es ist darum gegangen, dass das Gebäude eine gewisse Höhe hat, und nicht um Parkplätze. Die Leute sind so uneinsichtig. nochmal diese Träger vorher und dann nachher zeigt. Was wir gemacht haben, ist, dass wir die Garderoben so hineingesetzt haben, dass man eben die Träger auch durchgehend sehen kann.
01:07:59 Jonas Huber Wandeln kann.
01:08:06 Raphael Eder Ja, genau. Nach außen hin haben wir die Fenster alle mit Parapeten – das ist die ruhige Zone – und nach innen hin haben wir die Parapete weggelassen. Das ist kommunikativ, und das Ganze ist eigentlich aus Faserzementplatten, und dieses Material da: das ist ein super „Nachhaltigkeitsstar“.
01:08:33 Jonas Huber Okay, inwiefern?
01:08:34 Raphael Eder Das ist nämlich WPC, das ist ein Plastikholz. Und zwar ist das ein Wood-Plastic-Composite, das heißt: Sägespäne wird mit Kunststoff vermischt, und aus dem wird ein Strang gepresst, diese Holzbretter. Aber das hat sich die Bildungsdirektion? eingebildet, weil das ist immer rutschfest. Es kommen keine Insekten, und es hält angeblich länger als echtes Holz.
01:09:08 Jonas Huber Okay.
01:09:09 Raphael Eder Und es verbrennt auch angeblich schadstofffrei. Und der Nachteil ist:
Im Sommer heizt sich das gewaltig auf. Also Holz wäre natürlich nachhaltiger als Eingangshalle. Aber so ist es leider manchmal. Da sind die Böden noch alle in Linoleum damals. Das ist der Eingangsbereich. Damals sehr gespielt mit den Mustern, mit den Böden, die möglich waren und haben das dann auch umgesetzt in dieser ÖNORM 1600-Beklebung für die Barrierefreiheit. Das ist dann der Direktor von der Schule, und der lässt eben alle Kinder überall hingehen. Ach so, das ist jetzt gegliedert nach diesen Themen.
01:10:17 Jonas Huber Ja, man wird es wahrscheinlich eben auch merken – eben vom Konzept her – dass die Kinder überall hindürfen und dass...
01:10:27 Raphael Eder Das Interessanteste daran ist: Die Schule ist jetzt doch auch schon ein paar Jahre alt. Die ist 2018 fertiggestellt. Also sieben Jahre lang ist sie in Betrieb, und wenn du dorthin fährst, schaut sie aus wie neu. Es gibt keinen Vandalismus, oder wenn, dann habe ich ihn nicht wahrgenommen. Aber die Schule schaut aus wie am ersten Tag. Das liegt eben wirklich auch an der Schulleitung, weil wenn es ein schwieriger Direktor ist, dann machen doch alle Kinder alles dem zu Fleiß absichtlich. Also die Schule ist noch nicht beschädigt. Das ist vielleicht auch etwas Nachhaltiges: wenn die Architektur schön ist und die Kinder neu einziehen und das sehen, was das für einen Wert hat. Vielleicht achten sie dann auch mehr darauf.
01:11:24 Jonas Huber Vor allem wahrscheinlich auch, wenn es eine gewisse Schüler:innenIdentität bildet, dieses Schulgebäude – eben mit diesen Außenräumen, wo sich die Kinder eben damit identifizieren können. Das ist ihr Platz, der gehört ihnen – das ist eben dieses Wohlbefinden.
01:11:40 Raphael Eder Eben der dritte Pädagoge: das Schulgebäude selbst. Das kann auch funktionieren, aber da muss auch der Bauherr bereit sein, etwas in die Tasche zu greifen.
01:11:52 Jonas Huber Logisch.
01:11:54 Raphael Eder Das sind vielleicht die Säulen für die Nachhaltigkeit: also Materialien, Materialbewusstsein, Identität von Schülerinnen und Schüler und Raumklima – aber das kommt ja alles Hand in Hand. Und wenn das Raumklima gut ist und sich die Schüler wohlfühlen, dann müssen sie nicht randalieren. Ich weiß sonst nicht, warum man zu Vandalismus neigt. Also ich habe in der Schule eigentlich nichts absichtlich kaputt gemacht. Also in der Klasse von meinem Sohn, da ist einer auf die absurde Idee gekommen – wollte irgendwas machen – und ist aus diesem Grund auf das Handwaschbecken gestiegen, um irgendwas herunterzuholen. Und dann ist natürlich das ganze Handwaschbecken abgebrochen. So ein blöder Trottel. Aber er hat es nicht gemacht, um das Handwaschbecken abzubrechen.
01:13:00 Jonas Huber Ist natürlich auch nicht gut.
01:13:02 Raphael Eder Es geschehen halt solche Dinge immer wieder.
01:13:05 Jonas Huber Leider. Ist natürlich toll, wenn es nicht passieren würde oder wenn nicht die Gründerzeitfassaden in Wien beschmiert werden würden mit Graffiti. Das wäre natürlich auch ganz toll.
01:13:18 Raphael Eder Ja, das ist eigentlich schon ein interessantes Phänomen. Hier, da jetzt im sechsten Bezirk, wenn ich da spazieren gehe, hinauf zur Mariahilfer Straße: Da ist so wahnsinnig viel Graffiti. Aber in anderen Bezirken, da ist fast nichts.
01:13:35 Jonas Huber Im 17. Bezirk sehr, sehr frei.
01:13:44 Raphael Eder Aber gut, da sind vielleicht mehr Lokale.
01:13:52 Jonas Huber Ja, wahrscheinlich.
01:13:54 Raphael Eder Das liegt sicher auch an dem Angebot: dass dann die Leute alkoholisiert sind oder andere Substanzen genommen haben, und dann machen sie das Graffiti. Und das ist eher in der Innenstadt, glaube ich.
01:14:08 Jonas Huber Wahrscheinlich.
01:14:09 Raphael Eder Obwohl im ersten Bezirk relativ wenig, aber ich glaube, das wird auch sehr schnell entfernt werden.
01:14:16 Jonas Huber Ja, ich glaube, im ersten Bezirk ist da auch sehr der Fokuspunkt drauf, dass eben alles sauber gehalten wird. Das Klientel eben dort ist auch gehobener.
01:14:28 Raphael Eder So wie es auf unserem Haus hier ist: zum Glück auch nichts. Gut, aber das ist ja schwer zu erreichen.
01:14:39 Jonas Huber Ich habe tatsächlich auch schon das schöne Stiegenhaus bewundert.
Großartig. Das ist alles original?
01:14:45 Raphael Eder Das ist alles original. Nur die Torxschrauben. Gut, was kann ich dir sonst erzählen? Da haben wir eine große Bohrung gemacht. Da ist auch alles mit diesen Bohrungen. ich meine, alle Bauherren – zum Beispiel von der ARE – und die ARE ist auch eine Tochter von der Bundesimmobiliengesellschaft, und die haben sich natürlich – nachdem das alles so halbstaatliche Unternehmen sind oder staatliche Unternehmen sind – dem natürlich verpflichtet. Im Jänner haben wir Vertragsverhandlungen für den neuen Wohnbau. Ich weiß nicht, ob Sie sich da für eine Holzbauweise entscheiden oder nicht? Ich hoffe schon. Besser wäre es.
01:15:45 Jonas Huber Natürlich.
01:15:47 Raphael Eder Das ist auch ein großes städtebauliches Projekt. Da haben wir auch
Tiefenbohrungen gemacht für uns. Wir haben dieses Gebäude hier errichtet. Alles mit Tiefen – ich meine, das geht gar nicht mehr anders heutzutage. Außer bei dem Projekt, wo das Wasser rauskommt.
01:16:10 Jonas Huber Ja, genau. Das ist natürlich wieder eine spezielle Gegebenheit, auf die man reagieren muss. Das ist natürlich wichtig.
01:16:16 Raphael Eder Ja, es ist nicht immer möglich, leider.
01:16:18 Jonas Huber Man muss nur wissen, wie man damit umgeht.
01:16:20 Raphael Eder Aber wir haben gleich daneben eine Fernwärme. Das ist an Fernwärme angeschlossen.
01:16:28 Jonas Huber Ganz toll.
01:16:30 Raphael Eder Wir haben es zwar geprüft, ob man Tiefenbohrungen machen kann, aber da braucht es eine spezielle Stahlmantelummantelung und spezielle Bohrverfahren, um dort hineinzukommen. Und das ist zu teuer. Na gut, es ist zwar Weihnachten, aber ich muss trotzdem ein paar Sachen machen.

























